Sandro Magister analysiert bei diakonos/Settimo cielo die jüngsten Bischofs-Ernennungen durch Papst Leo XIV und leitet aus ihnen ab, wie der Pontifex sich einen guten Bischof vorstellt. Hier geht´s zum Original: klicken
"LEO XIV: WAS IST EIN GUTER BISCHOF. EINE ANALYSE SEINER JÜNGSTEN ERNENNUNGEN"
Am 6. Februar 2019 hat Ronald A. Hicks, der neue New Yorker Archivar, sein Amt in der St. Patrick-Kathedrale im Herzen von Manhattan, und hat auf der Kanzel sein Programm verkündet, perfekt in einer Linie mit Papst Leos Richtlinien: „Wir sind berufen, eine missionarische Kirche zu sein, ein Tempel, der katechisiert, evangelisiert und in die Praxis unserer Kirche einweiht. Eine missionarische Kirche, die ausschwärmt und andere zu Jüngern macht und den Glauben von einer Generation zur nächsten weitergibt. Eine Kirche, die sich um die Armen und Verwundbaren sorgt. Eine Kirche, die das Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod verteidigt, respektiert und unterstützt.
Die Ernennung von Bischof Hicks durch Leo ist aber nicht die einzige, die den Weg der Katholischen Kirche in den nächsten Jahren prägen wird. Weil der Papst am vergangenen 19. Dezember, kaum 24 Stunden nach der Ernennung des neuen Erzbischofs von New York, eine weitere wichtige Ernennung vorgenommen hat - Manuel de Jesus Rodriguez für die Diözese Palm Beach in Florida.
In Palm Beach befindet sich auch das Anwesen Mar-a-Lago, die Lieblingsresidenz von Präsident Trump, dessen harte Migrationspolitik den einhelligen Protest der Bischofskonferenz der Katholischen Bischöfe der USA hervorgerufen hat.
Der neue Bischof, Rodriguez, ist auch selbst Einwanderer. Er wurde in der Dominikanischen Republik geboren, empfing dort die Priesterweihe und war bis gestern Pfarrer einer Gemeinde im Bistum Brooklyn in New York City, deren 17.000 Gläubige überwiegend lateinamerikanischer Herkunft sind.
Aber Rodriguez ist keiner, der auf die Barrikaden geht. Über Trump sagte er nach seiner Ernennung: „Er tut auch Gutes für die Vereinigten Staaten und die Welt. Aber wenn es um Migranten und die Einwanderungspolitik geht, wollen wir ihm helfen.“ Er ist sowohl im Zivil- als auch im Kirchenrecht bewandert, ebenso wie Papst Leo, der diese juristische Expertise bei der Besetzung wichtiger Ämter sehr schätzt, beispielsweise die des Präfekten des Dikasteriums für die Bischofsernennungen in der Kurie, ein Amt, das er dem talentierten Kanonisten Filippo Iannone anvertraut hat.
Auch Hicks hat seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, schwierige Situationen zu meistern, sowohl in Chicago, wo er von 2015 bis 2020 als Generalvikar und anschließend als Weihbischof unter Erzbischof Kardinal Blase Cupich tätig war, als auch später als Bischof von Joliet, Illinois, einem der Bundesstaaten, die in der Vergangenheit am stärksten von sexuellem Missbrauch betroffen waren. Nun, wo er in New York angekommen ist, wird er die Verantwortung für einen 300 Millionen Dollar schweren Entschädigungsplan für Opfer übernehmen müssen, den ihm sein Vorgänger, Kardinal Timothy Dolan, hinterlassen hat.
Hicks ist ein Landsmann von Papst Robert F. Prevost. Wie der wurde er im Chicagoer Vorort South Holland geboren, direkt neben Prevosts Geburtsort Dalton. „Unsere Häuser lagen nur 14 Blocks voneinander entfernt“, sagte er. Trotzdem trafen sie sich erst 2024 zum ersten Mal auf einer Konferenz in Illinois, der ein kurzes Gespräch folgte. „Ich fand ihn“, sagt Hicks heute, „klar, prägnant, kreativ und stets demütig; er hörte zu, bevor er entschieden hat.“
Hicks’ Nähe zu Cupich, einer führenden Figur der progressiven Strömung unter den US-amerikanischen Bischöfen nach Kardinal Joseph Bernardin (1928–1996), der ebenfalls Erzbischof von Chicago und ein Jahrzehnt lang eine prägende Figur dieser Strömung war, hat bei manchen den Eindruck erweckt, die beiden würden sich mit dem Banner von Papst Franziskus identifizieren.
Doch in Wirklichkeit war Hicks' eigentlicher Mentor Cupichs Vorgänger in Chicago, Kardinal Francis George (1937–2015), der die weitaus größere konservative Strömung anführte und von 2007 bis 2010 Präsident der Bischofskonferenz war. Er war es, der seinem Nachfolger die Ernennung von Hicks zum Generalvikar vorschlug. Und vor allem war es George, der seinen jungen Priester 2005 auf eine fünfjährige Mission nach San Salvador entsandte, um sich dort um ein Waisenhaus namens „Nuestros Pequeños Hermanos“ zu kümmern.
Seit damals spricht Hicks fließend Spanisch, die Muttersprache der meisten Katholiken in den Vereinigten Staaten. Er hat sich gewünscht, daß die Amtseinführungsmesse in New York zweisprachig (Englisch und Spanisch) gefeiert werden sollte und hat die Predigt abwechselnd in beiden Sprachen gehalten. Außerdem ließ er Samuel Jimenez Coreas, einen der Waisen, denen er in San Salvador geholfen hatte, eine Lesung aus dem Galaterbrief des Paulus vortragen. Im Erzbistum New York gehören über eine Million hispanische Katholiken von insgesamt 2,4 Millionen der Lateinamerikanischen Katholischen Kirche an,
Hicks teilt mit Papst Leo eine einheitliche und kohärente Vision der Lebensethik, wie beispielsweise das Bild des „nahtlosen Gewandes“, der Tunika Jesu: ein Bild, das Kardinal Bernardin sehr am Herzen lag. Das Recht auf Leben muss jederzeit geschützt werden, nicht nur „von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“, sondern auch vor Krieg, Armut und Unterdrückung, selbst wenn jedes dieser Probleme auf seine eigene Weise angegangen wird. In Joliet nahm Hicks regelmäßig am Nationalen Gedenktag für abgetriebene Kinder teil und segnete die Gräber ungeborener Kinder. Er ließ zudem einen Rosmarinzweig prominent in sein bischöfliches Wappen einarbeiten, zu Ehren von Oscar Romero, dem Erzbischof von El Salvador, der 1980 am Altar von einer Todesschwadron ermordet wurde.
Hicks wird auch als Ausbilder junger Priester geschätzt, was – wie sich nun herausstellt – vollkommen mit dem eindringlichen Brief übereinstimmt, den Papst Leo am 9. Februar an die Priester von Madrid, in Wirklichkeit aber an die gesamte Kirche, richtete. 2024 wurde er von der US-amerikanischen Bischofskonferenz mit 68 Prozent der Stimmen zum Präsidenten der Kommission für Klerus, geweihtes Leben und Berufungen gewählt. Und er wird in New York viel zu tun haben, angesichts des starken Rückgangs der Priesterberufungen in der Diözese in den letzten Jahren.
Er hat großes Verständnis und Toleranz für die, die die Messe nach dem alten Ritus feiern, aber er ist auch weit entfernt vom Profil eines „Kulturkämpfers“ aber auch von der neokonservativen theologischen Schule von Richard John Neuhaus, Michael Novak und George Weigel, der wiederum sein Vorgänger in New York, Kardinal Dolan, nahestand.
Kurz gesagt, überwindet Hicks die Gräben zwischen Progressiven und Konservativen. Wie Leo legt auch er größten Wert darauf, „in Illo uno unum“ zu sein – vereint in dem einen Christus, wie es auch im augustinischen Motto des päpstlichen Wappens zum Ausdruck kommt.
Leos wichtige Ernennungen sind allesamt diesem Ziel zuzuordnen. Stanislav Pribyl, der neue Erzbischof von Prag, einer der europäischen Hauptstädte, die dem Glauben am verschlossensten gegenüberstehen, wurde am 2. Februar ernannt und hat sofort seinen Weg beschrieben: „Die Versöhnung innerhalb der Kirche liegt mir besonders am Herzen, und der erste Schritt muss genau darin bestehen, sie anzustreben. Christus steht über allen Fraktionen und Interessengruppen, und nur in ihm können wir wahrhaftig eins sein.“
Eine weitere beispielhafte Ernennung erfolgte am 6. Oktober 2025 für das belgische Bistum Namur: Fabien Lejeusne, 52, ehemaliger Generaloberer der Augustiner von der Himmelfahrt in Europa. Nach seinem Amtsantritt konzentrierte er sich vorrangig auf die Optimierung der Finanzverwaltung des Bistums und vor allem auf die Wiederbelebung der Evangelisierung, insbesondere der Jugend. Er vermied dabei weitreichende theologische Auseinandersetzungen.
Denn das ist die Kirche, wie Leo sie liebt: geeint und missionarisch, offen für alle, aber frei von tiefgreifenden inneren Konflikten. So auch der Dominikaner-Kardinal Timothy Radcliffe, den Leo im Januar letzten Jahres beim Konsistorium der Kardinäle für die einführenden Meditationen berief, und der Trappistenbischof Erik Varden, der zu Beginn der Fastenzeit die Exerzitien für den Papst und die Leiter der Kurie leitet – beides angesehene Theologen, deren Visionen jedoch nicht übereinstimmten.
Es sind auch Persönlichkeiten wie diese, die die von Leo angestrebte Einheit „in dem einen Christus“ in der Kirche verwirklichen sollen. Der Unterschied zwischen den beiden ist hier besonders hervorzuheben: Während der 81-jährige Radcliffe, ehemaliger Generalsuperior des Predigerordens, am Ende seiner Laufbahn steht, muß die Zukunft für den 52-jährigen Varden, Bischof von Trondheim (Norwegen) und Präsident der Skandinavischen Bischofskonferenz, noch geschrieben werden. Und was er bisher getan und gesagt – von Settimo Cielo mehrfach dokumentiert – hat, ist vielversprechend."
Quelle: S. Magister, diakonos
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