Donnerstag, 27. November 2014

Der Franziskus-Effekt, wie Francesco Colafemmina ihn sieht.

Francesco Colafemmina, Philologe und Schriftsteller aus Apulien, blogger von "Fides et Forma", ( wo er seiner Leidenschaft für die sakrale Kunst Ausdruck verleiht) äußerte sich in einem Interview zum "Franziskus-Effekt" :  hier geht´s zum Original    klicken
   
Frage: 
"Sprechen wir über den Bergoglio-Effekt : seine Worte, seine Handlungen (auch wenn viele davon einer augenblicklichen Situation entspringen) stellen einen lebenden Widerspruch zur klar formulierten Katholischen Verkündigung dar, sie rufen häufig den Eindruck von Mehrdeutigkeit und Verwirrung hervor, als erlebe man das klassische "einen Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück". Resultat: eine Kirche, die Beute von Verwirrung und Desorientierung ist, mit dem  Effekt, alles, was in den letzten Jahrhunderten aufgebaut wurde, zu zerstören. Wie denken Sie darüber?"

Antwort Colafemmina:
"Ich glaube ganz einfach, dass das Pontifikat Bergoglios mit einem sehr klar erkennbaren Projekt zusammentrifft: die Kirche in die Realität der sogenannten neuen Weltordnung zu führen.
Ich will nicht einer Paranoia folgend- behaupten, daß es irgendeine Art von Komplott gäbe, als vielmehr eine politische oder geopolitische Notwendigkeit. Wir leben in einer Welt, die immer mehr von Finanzeliten und technischem Know-how dominiert wird, die die klassische Kultur abgeschafft hat, die sich nicht mehr auf die kulturellen Wurzeln Europas stützt, sondern auf das Diktat einer amorphen kulturellen und moralischen Indifferenz. 
Die Kirche hat zwei Möglichkeiten: entweder aus der dominierenden Kultur verjagt zu enden, oder zu versuchen, zu überleben. Und um das zu tun, müßte sie in einer Art Mimikry die gleichen Charakteristika annehmen:  die Widersprüchlichkeit, Vorläufigkeit, Entropie, gerade die Letztere (die Entropie) ist nach der Überzeugung des großen Soziologen Zygmunt Baumann der Schlüssel zur Kultur der Finanzeliten. Die Entropie, das Chaos, die Unvorhersehbarkeit sind das Geschäft der Finanzhändler. Deshalb geht der Diskurs innerhalb der Kirche um sehr viel mehr als um den alten Zwist zwischen Traditionalisten und Progressisten. 

Glauben Sie, daß die Katholische Kirche mit all ihrem Eigentum, ihre Botschaften in der Welt, der Diffusion der eigenen Diener in die ganze Welt von den Mächtigen dieser Welt unterschätzt werden könnte? Sicher nicht. Die Kirche wird weiter verfolgt, wenn sie fortfährt, Ethik und Logik der "alten Weltordnung" vorzugeben, aber sie erhält nur dann Beifall, wenn sie sich auf die Hegelsche Logik stützt, wenn sie sich selbst in Frage stellt, indem sie den Abgrund ihrer Geschichte öffnet : über die objektive und unveränderliche Wahrheit, die Natur von Gut und Böse.

Bergoglio ist nichts weiter als der Repräsentant einer großen Gruppe von Kardinälen, Bischöfen, und vor allem Diplomaten, die am Ende des Pontifikates von Johannes Paul II verstanden haben, daß die Kirche um zu überleben, keine andere Option habe, als einen "dezenten Kompromiss" mit der Welt zu finden- zu welchem Preis auch immer-, nach der kontroversen.aber prophetischen Definition des Jesuiten Malachi Martin."





Frage:
"Es sieht so aus, als sei das binomische Paar: Progressisten/ Konvervative etwas Überwundenes. Heute sind wir in einer neuen Ära, die manche postkonziliär nennen, andere rufen nach einem III.Vaticanischen Konzil. Was sicher ist, ist daß wir -von Progressismus /Traditionalismus abgesehen, in einer Zeit leben, in der wir auf der einen Seite eine wahre Vermassung der Gläubigen erleben, auf der anderen Seite ein versprengte Gruppe von Personen, die beabsichtigt, koste es was es wolle, bei dem zu bleiben, was die Kirche immer gelehrt hat, Ist es so?"

Antwort:
"Ja, aber es handelt sich um einen größeren Prozess. Ich denke da z.B. an die surreale Debatte über die italienischen Schulen und das Überleben des klassischen Lyzeums. Weshalb wird das klasssische Lyzeum angegriffen? Weil es ein Überbleibsel der alten Weltordnung, der Kultur und Moral ist, letztendlich der Gesellschaft. Jetzt aber wird das Lehren der Klassischen Fächer als obsolet betrachtet, weil es nicht zu einer "Gesellschaft nach der Gesellschaft" -die auf das Königtum des Individualismus gegründet ist, erzieht, sondern zu einer Societas, einer Gruppe von Männern und Frauen, die zwar jeder ihre eigene Würde haben, aber immer einer moralischen, spirituellen, kulturellen Verbesserung bedürfen. 


Auf diese Weise sorgt sich jeden Tag Papst Bergoglio am Pult von Santa Marta (einer Struktur die bereits Zeichen und Botschaft der Horizontalisierung ist) aus dem Inneren der Kirche, wo er- zu allem anderen- die   Katholiken, die er kohärent nennt, jeden Tag abstraft, Katholiken wie meine Großeltern, die ihr Leben lang   gekämpft haben, um dem Evangelium gemäß zu leben.                                                                               
Katholiken, wie so viele unbekannte Priester, die Tag für Tag Kinder,Verlobte, Eheleute, Alte, Kranke auf dem Weg Jesu Christi begleiten. Diese Christen sind weder Pharisäer noch getünchte Gräber, aber so werden sie von Bergoglio bezeichnet, das ist der Preis für den weltlichen Erfolg, der ihn einhüllt, ihn, der sich dem allen überlegen fühlt und der -um jene nicht zu verurteilen, die in schwerer Sünde leben, jeden Tag neue Worte erfindet, um die zu verunglimpfen, die sich kohärent zum Evangelium und zum Lehramt verhalten. 

Das ist alles inakzeptabel, aber wir müssen uns die Gründe klarmachen, weil wir wissen, welches der große Rahmen ist, in den sich die Handlungen von Franziskus einfügen.

Frage:
"Ein Klerus in erkennbarem Zustand der Verwirrung- was Lehre und Liturgie angeht, die mit der modernistischen Botschaft konkurrieren müssen, daß das Leben sich auf dieser Erde abspielt, in der die große Abwesende die Seele ist. Keiner spricht davon (wie über andere Wahrheiten wie die Hölle, das Fegefeuer) aber alles wird reduzierbar auf eine rigoros horizontale Vision, die die Ausübung der Rechte ohne Pflichten vorsieht, die Verwirklichung des eigenen Willens, die Leugnung der eigenen Verantwortlichkeit, die Libertinage als Freiheit betrachtet, das Böse unterstützt und das Gute verfolgt. Was ist dringend für einen Katholiken von heute?"

Antwort:
"Wie mein geliebter Professor für Antike Christliche Literatur zu wiederholen pflegte, unser Ziel heute ist "das Saatgut zu schützen". Es kommt nicht darauf an, wie viele und welche Samen wir retten, das Wichtige ist, es zu tun. Jeder hat sein Charisma und sein Zeugnis, die er anbieten kann. Wir wissen nicht, wie und wann die neuen Triebe aus den schlafenden Samen sprießen, wir wissen nur, daß sie sich vorher und nachher nur entwickeln können, weil Glaube und Opfer der Vielen nicht vergebens waren. 
Der heutige Katholik muß versuchen, losgelöst zu argumentieren. Er muß die vaticanischen Verlautbarungen und die Streitigkeiten der Kardinäle ignorieren und sich um die Heiligung der eigenen Seele kümmern. 
Um das zu tun, muß man sich gerade heute dem Alten zuwenden, weil es leicht ist, auf der Straße der sozialen Ideologien und der Utopien des New Age verloren zu gehen. Was ist heute leichter? Ein Paket Pasta bei der Caritas abzugeben oder sich selbst zu bessern, sich dem Ausleben der eigenen Vorlieben zu widmen oder den Zielen des eigenen Egoismus? Alle wiederholen, dass es gut und heilig ist, das Erstere zu tun, eine für die Caritas nützliche Aktion, aber unnütz, wenn sie zur eigenen Selbstbefriedigung dient, niemand spricht mehr von Tugend und Laster, von Sünde und Erlösung, von Askese-einem noblen Wort- der Anstrengung, der Ermüdung, der Schwierigkeit als neuer Mensch in Christus wiedergeboren zu werden."

Frage:
"Auf Ihrer Web-Site "Fides et Forma" haben Sie geschrieben. "Heute leben wir in einer konvulsivischen, dekadenten und gedächtnislosen, westlichen Gesellschaft. Wir leben in einer Welt, in der die Schönheit ein einfaches Flackern, ein Moment ist, dazu bestimmt, zu vergehen, und durch den Strudel der Sensationsbilder, die die Tageszeitung zu einem schon gesehenen, langweiligen, immer wiederholten Film zusammen montiert, verschüttet zu werden..
Man spricht so viel von Schönheit, aber was ist Schönheit? Und welche Beziehung besteht zwischen Schönheit und Christentum? Welche Rolle soll (oder sollte) die Katholische Kirche in dieser dekadenten, gedächtnislosen, westlichen Welt wieder spielen?"
Antwort:
"Es gab eine Zeit, in der Schönheit und Kirche zusammen gehörten, aber die Schönheit wurde nach Art der alten Weltordnung verstanden: Symmetrie und Perfektion. Daraus bezogen die Kunst, die Architektur, die Musik, die Liturgie selbst - die in sich eine Kunst ist- diese edlen Charakteristika, weil sie sich nach dem Unveränderlichen, nach der höchsten Perfektion verzehrten, nach dem, was weder von Zeit noch Individualität beeinflußt wird. Zu dieser vertikalen Dynamik gehört auch eine horizontale und die motiviert zur Suche nach dieser Perfektion, die sich dem Schöpfer nähert, und die vom krampfhaften Konsum der Emotionen von der Seele abgedrängt worden ist. Die ständige Suche nach dem Einzigartigen, die Transformation der Liturgie vom Universalen zum Besonderen, der Personalismus-heute in Person in einem Papst inkarniert- man hat die freie Wahl. Man kann gut verstehen, daß die Kirche so ihrer Kräfte beraubt wurde. Da bin ich mit einem marxistischen Intellektuellen wie Pasolini einig, der sich 1974 so ausdrückte: 

"Aus einer radikalen, vielleicht utopischen Perspektive, oder einer Jahrtausendperspektive, das man kann so sagen- ist es klar, was die Kirche tun muß, um ein unrühmliches Ende zu vermeiden. Sie muß das Gegenteil tun. Um das zu erreichen, muß sie sich zuerst selbst verleugnen. Sie muß einer Macht entgegen treten, die sie so zynisch  verlassen hat, mit dem Ziel sie ohne viel Getue zu purer Folklore zu reduzieren. Sie müßte sich selbst verleugnen, um die Gläubigen (oder jene, die ein neues Bedürfnis nach Glauben haben) zurück zu gewinnen und die sie genau deshalb verlassen haben. Wenn sie den Kampf, der in ihrer Tradition verankert ist (der Kampf des Papsttums gegen das Kaisertum) wieder aufnimmt, aber nicht den Kampf um die Macht, könnte die Kirche Führerin sein, großartig aber nicht autoritär, für alle, ( und hier spricht ein Marxist als Marxist) die die neue konsumistische Macht ablehnen, die völlig unreligiös, totalitär, gewaltsam, falsch tolerant, und auch repressiver als je zuvor ist, korrupt, herabsetzend ( nie zuvor hatte die Behauptung Marx´ mehr Sinn als heute, für den das Kapital die Würde des Menschen in eine Handelsware verwandelt) "

Pasolini hatte verstanden, daß im Kampf zwischen den Eliten und der Kirche-jene gewonnen hatten, war sich aber der ungeheuren spirituellen Kraft der Kirche bewußt, die- hätte sie sich adäquat ausgedrückt- das Überleben dieser "Gesellschaft des Konsums" hätte bedrohen können, die 1974 eindrang und deren Konsequenzen wir heute, 40 Jahre später, in ihrem ganzen Verfall sehen.
Pasolini ging immer davon aus, daß die Kirche in "die Opposition" wechseln würde, indem sie auf das Schlüsselelement der Opposition verzichtet, die eiserne Autorität.
Eine Kirche ohne auctoritas  ist die Privatkirche des Katechons, von der besonders der Philosoph Cacciari spricht, ja, sie ist tatsächlich die Kirche Bergoglios
Ich bin nichtsdetoweniger überzeugt, daß ein bestimmter Typus von Progressisten eigentlich sehr traditionalistisch ist, aber auch sehr viele einfache Katholiken, die sich in keine Kategorie einpassen, sich heute einem einzigen, gemeinsamen Feind gegenüber sehen, nur daß die einen die Abhängigkeit der Kirche gegenüber der Welt nicht einsehen wollen und sich damit zufrieden geben, daß Bergoglio einen Ford Focus feährt, ( ohne auf die 8,6 Millionen Euro Ausgaben de IOR im vorigen Jahr zu schauen) während die anderen weiter den sozialen Progressismus, die Propaganda der 60-er und 70-er Jahre bekämpfen, ohne sich selbst einzugestehen und ohne den eignen Brüdern verständlich zu machen, dass der heutige Feind ganz anderer Natur ist und gemeinsam bekämpft werden muß.
Ich denke z.B. an den stolzen Widerstand der traditionalistischen Katholiken gegen den Neokatechumenalen Weg. Ich glaube hingegen, daß der Neokatechumenale Weg -ungeachtet der abweichenden Direktiven seiner "Chefs" und anderer von mir zuerst kritisierten Aspekte, ein strategische Schöpfung Johannes Pauls II war, mit dem Ziel die katholische Familie zu verteidigen. Eine Legion profilierter, vielköpfiger Familien, denen es obliegt, die Veränderungen, die Bergoglio bei der Synode im Oktober durchsetzen wollte und die er sicher nächstes Jahr erfolgreich in die Synode einführen wird, zu erklären.
Bei einer anderen  Gelegenheit sagte er:  "ich bin ein Schlauberger." 
Wie soll man sonst die beiden kürzlich, wenn auch am Rande, verbreiteten, Botschaften verstehen, gegen Abtreibung und Euthanasie und für die Familie mit Vater und Mutter-wenn nicht als Versuch eines Schlaubergers, die Kritiken der pro-Life-Aktivisten aus aller Welt wegen der Vertreibung Kardinal Burkes einzudämmen?"

Frage:
"In einer Zeit, in der Familie und Ehe angegriffen werden, haben Sie ein Buch mit dem Titel "Die Ehe im Klassischen Griechenland" mit einer beißenden Unterzeile: "Riten und Traditionen jenseits der zeitgenössischen Mystifikationen für eine von Hellenismus und Christentum geteilte Ethik der Ehe."
Was ist das Ziel dieser Schrift?"

Antwort:
Ziel war, zu bezeugen, daß die klassische Kultur nicht einzigartig war oder ein museales Relikt, und dass es in vielerlei Hinsicht keinen Widerspruch zwischen dem Christentum und der griechisch-römischen Kultur gab. Nicht zufällig ist Jesus  in der Epoche in die Welt gekommen, als Augustus das auf einer sehr stringenten Ethik basierende. aber dennoch durch moralischen Verfall so gefährdete Imperium gründete.
Diese Welt hat uns viel zu bieten, weil sich- besonders im klassisches Griechenland- das Leben nach einem menschlichen Maß abspielte und es eine lebendige, authentische Gemeinschaft gab, die aus Bürgern und nicht aus Idioten ( hier ein Wortspiel des Autors: aus "Polites" und nicht aus "Idiotes", das im Deutschen verloren geht) bestand. Wie ich schrieb, war dieser weise Mann sicher, daß früher oder später die Institution Ehe auf Beziehungen ausgeweitet werden würde, die mit ihr nichts zu tun haben.
Beziehungen, die die Imitation der Institution Ehe brauchen, um sich normal zu fühlen und auch so wahrgenommen zu werden. Und wie der Stiefmutter-Staat, der seine Kinder zufrieden stellen will, die sich erwachsen vorkommen, der ihnen allen Schnurrbärte schenkt.
Aber das Thema ist zu komplex weil wir in dieser Realität alle Opfer von wenigen skrupellosen Peinigern sind.  Und anstatt unseren Brüdern, die in Sünde leben zu helfen, die Identität ihrer Peiniger zu erkennen und das Gewicht ihrer Sünde, bestärken wir sie darin, die eigene Situation der Sünde wertzuschätzen. Eine Art das zu tun, ist zu sagen, daß es keine Sünde gibt.
Weil ich dagegen ein Sünder bin und die Sünde fühle und sie bekämpfe, weil ich weiß, wie sie unsere Seele bedroht, bitte ich nicht sondern verlange, daß die Kirche mir und allen mein Brüdern und Schwestern hilft, unsere Sünden zu erkennen, uns zu bessern, in Christus zu leben, um unsere Seelen zu retten. Aber wer spricht noch von Seele?"






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