Montag, 12. Oktober 2020

Vatican: Skandale und ihre Hintergründe....

In seiner heutigen Kolumne in "Monday in the Vatican" befaßt sich A. Gagliarducci mit dem Stellenwert der aktuellen Skandale im Vatican, ihre Hintergründe und Auswirkungen auf den Hl. Stuhl und weist auf Ungereimtheiten in den Vorwürfen gegen Kardinal Becciu hin.
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"PAPST FRANZISKUS, EIN BLICK ÜBER DIE SKANDALE HINAUS" 

"Der Rücktritt von Kardinal Becciu als Präfekt der Heiligsprechungskongregation und den Rechten eines Kardinals hat eine Büchse der Pandora geöffnet. Seit dem Rücktritt haben die Medien jeden Tag über das Finanz-Mißmanagement des Hl. Stuhls berichtet, Interviews mit Leuten veröffentlicht, die als Finanzvermittler für den Hl. Stuhl gearbeitet haben und ausdrücklich gegen Kardinal Becciu persönlich Anschuldigungen angedeutet oder erhoben haben. 

Es ist  verblüffend, wie viele Dokumente in den Medien verbreitet werden, trotz der laufenden Ermittlung, die vertraulich sein sollte.  Wenn bisher im Gegenteil keine formelle Untersuchung begonnen wurde, verblüfft es, daß Kardinal Becciu seine Ämter aufgeben mußte, ohne für irgendetwas schuldig befunden worden zu sein. 

Er ist nicht der Einzige, der in dieser Lage ist. Im Oktober 2019 wurden fünf Mitarbeiter des Hl. Stuhls von ihren Ämtern suspendiert- wegen einer Untersuchung, die zur Durchsuchung und zu Beschlagnahmen im Staatssekretariat und der Finanzaufsicht des Vaticans führte. Später wurde ein weiterer Prälat seines Postens enthoben. Einige Monate später -während die Untersuchungen noch liefen und es unklar war, ob diese Leute vor Gericht gestellt würden oder nicht, wurden sie alle entlassen und das auf unterschiedliche Weise. 

Sich auf den Skandal zu konzentrieren, hindert uns jedoch daran, einen gründlicheren Blick auf das ganze Bild zu werfen. Nicht daß die Skandale eine gute Sache sind: das sind sie nie - weniger sogar noch für Kirchenmänner.  Trotzdem gilt immer das Prinzip des Evangeliums, daß Weizen und Unkraut zusammen wachsen müssen. Das ist menschlich. Es ist immer so gewesen. 

Schaut man auf das größere Szenario, führt das zu mehr Fragen als Antworten. 


Erste Frage: warum mußte Kardinal Becciu zurücktreten und warum jetzt? Wenn es irgendein illegitimes Verhalten gegeben hat, so muß das stattgefunden haben, als Kardinal Becciu Substitut im Staatssekretariat war. Als Substitut konnte er nach seinem Dafürhalten auf einige Fonds zurückgreifen und mit ihnen tun, was immer er wollte. 

Aber Becciu hat seinen Job im Staatssekretariat 2018 verlassen und hatte seitdem keinen Zugang mehr zu den oben erwähnten Fonds, 2019 wurde Msgr. Alberto Perlasca, der die Verwaltung des Staatssekretariates 10 Jahre lang geleitet hatte, an eine andere Stelle versetzt. Kardinal Becciu hatte danach keine Vertrauensmänner mehr im Staatssekretariat.

Also müssen - während Kardinal Becciu ohne erforderlichen Prozess gezwungen ist, zurückzutreten- dennoch viele der Finanzoperationen genau geprüft werden. Am Ende muß es eine gründliche Untersuchung und ein Gerichtsverfahren geben. 

Zweite Frage: Kardinal Bacciu war in die Entscheidung des Staatssekretariates verwickelt, in eine Luxus-Immobilie in der Sloane-Avenue in London zu investieren. Erzbischof Edgar Pena Parra, Beccius Nachfolger als Substitut im Staatssekretariat hat die Investition neu strukturiert. Warum? Weil die Investition nicht so profitabel war wie erwartet. Eine der Schwächen dieser Operation waren die vielen Provisionen für die Vermittler. 

Also hat der Hl. Stuhl beschlossen, die Vermittler herauszuhalten, so Geld zu sparen und das Management direkt zu übernehmen. Das bedeutet, daß jeder angenommene Fehler der vorherigen Administration repariert würde. Warum haben sich die Untersuchungen dann auf diese Investitionen konzentriert?

Es hat sicher andere Fälle als die Sloane-Avenue gegeben. Der Hl. Stuhl hat immer Dinge in Ordnung gebracht, ohne dabei andere zu berühren. Kurz gesagt, das bedeutet, daß Skandale nicht öffentlich abgehandelt wurden und es kein lautes Eingreifen der Justiz gab. Meistens versuchte der Vatican, Fehler zu korrigieren und jene aus dem Management zu entfernen, die ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden- aber ohne großen Aufschrei.

Dieser modus operandi sollte nicht Dinge verbergen. Der Hl. Stuhl weiß, daß der Weizen und das Unkraut zusammnen wachsen müssen, aber er weiß auch, daß seine Institution einen moralischen Wert besitzt. Während es dort einige korrupte Individuen gibt, gibt es viel mehr Leute, die in einer Institution, die für das Allgemeinwohl arbeitet, Gutes tun. Der Hl. Stuhl kann zum Allgemeinwohl beitragen, weil er eine Institution ist. 

Zurück zum Sloane Avenue-Skandal, wir könnten annehmen, daß die Untersuchung kein Angriff auf Becciu war, sondern auf den neuen"substituto". Die Durchsuchung und die Beschlagnahmen bei der Finanzaufsicht haben sogar jede Ermittlung blockiert, an der sie arbeitete. 

Das führt zu einer weiteren Frage: hat die neue (noch laufende) Untersuchung nicht die bereits diskret stattfindende Säuberung gestoppt? 

Deshalb noch eine Frage: warum? 

Das breitere Szenario zeigt, daß der Hl. Stuhl ein weiteres Mal angegriffen wird. Es geht nicht nur um seine moralische Autorität. Wir sehen uns einer Serie kleiner legislativer Neuigkeiten gegenüber und der Hl. Stuhl schwimmt nur mit dem Strom. Bis zu dem Punkt, daß der italienische Journalist Giuliano Ferrara warnt, daß "der Vatican nicht verwaltet werden kann, als sei er ein Büro der Italienischen Staatsanwaltschaft". 

Wenn der Vatican wie ein Büro der italienischen Staatsanwaltschaft verwaltet wird, kann der Vatican auch seinen Status als Staat fallen lassen und dabei eine Institution bleiben. Und wenn der Vatican nur eine Institution ist- warum sollte er dann Mitglied internationaler Organisationen sein? Warum sollte er nicht anstreben, eine internationalen Organisationen angeschlossene NGO zu sein?

Die spektakulären Untersuchungen des Vaticans haben viele Mängel und den Wunsch nach wahrer Gerechtigkeit hinterlassen, die immer zu spät kommt. Hintergrund der Ermittlungen ist, daß die Souveränität des Hl. Stuhls erneut angegriffen wird. Die jüngsten Untersuchungen sind das Erbe des Vatileaks-Prozesses, der ebenfalls einen Angriff auf die Souveränität des Hl. Stuhls implizierte. 

Folge ist, daß das Narrativ über den Hl.Stuhl zwei Trends folgt. Der ersteTrend geht dahin, alles zu "italienisieren" als ob der Hl. Stuhl eine italienische Provinz wäre. Man pflegt zu sagen, der Hl. Stuhl müsse internationaler werden, aber de facto hat Pius XII vor langer Zeit mit dem  Internatiolaisierungsprozess begonnen. Der Trend zur Italienisierung kann nur gebremst werden, wenn die Leute des Hl. Stuhls den Hl. Stuhl als Internationale Rechtssubjekt betrachten. 

Der zweite Trend des Narrativs ist der einer Verschwörung gegen Papst Franziskus´ Reform. Die Verschwörung könnte das stop & go erklären. Aber die Anti-Papst-Verschwörung hält den Tatsachen nicht Stand.  Obwohl Msgr. Antonio Spadaro versucht hat, zu erklären, daß Papst Franziskus nicht ausdrücklich an einer Strukturreform arbeitet, hat Papst Franziskus die Strukturen verändert.  Wenn aber irgendjemand das feststellt, wir er/sie als "Teil der Opposition gegen den Papst" dargestellt. Als ob es in der Kirche nie lebhafte interne Diskussionen darüber gegeben hätte, wie man Reformen ausführt. Als ob ein Papst nie kritisiert worden wäre. 

Aber das Sprechen über die Feinde des Papstes schützt das Pontifikat vor jeder Kritik. Z.B. Dokumente über die Gerichtsverfahren werden zu Zeitungen "geleakt". Werden die Leute, gegen die ermittelt wird, als auf einer Linie mit Papst  Franziskus wahrgenommen werden, sind es die Feinde des Papstes, die sie angreifen. Wenn sie als nicht auf der Linie des Papstes wahrgenommen werden, machen die Richter ihre Sache sehr gut. 

Dieses Problem muß Papst Franziskus lösen.  Er muss die Diskussion neu ausrichten und dazu appellieren, über die kleinen Skandale hinaus zu sehen und das Gesamtbild zu betrachten. Auf diese Weise wird der Papst das aktuelle Narrativ überwinden, das Teil eines sehr raffinierten Angriffs auf den Heiligen Stuhl ist."

Quelle: Monday in the Vatican, A. Gagliarducci 

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