Massimo Scapin berichtet bei OnePeterFive - über den armenischen Ordensgründer Mekhitar. Hier geht´s zum Original: klicken
"DIE ARMENISCHE TRADITION IN ITALIEN"
Vor 350 Jahren am 7. Februar 1676 wurde der Diener Gottes Mekhitar geboren, den Papst Paul VI als "Ruhm der Armenischen Kirche, der Einheit und Frieden schuf" bezeichnet wurde. Als Gründer einer der leuchtendsten spirituellen und kulturellen Wiederbelebungen in der Geschichte Armeniens, hat Mekhitar einen unauslöschlichen Eindruck im Glauben seines Volkes hinterlassen.
San Lazzaro, Insel der Armenier
Geboren in Sebaste in Kleinarmenien (dem heutigen Sivas in Anatolien), wurde Mekhitar von klein auf zur Abkehr von weltlichen Gütern erzogen. „Ermutigt von der Madonna des Klosters Sevan, folgte er freudig dem göttlichen Ruf, der ihn zum apostolischen Dienst und zum Zeugen auf dem beschwerlichen Weg zur Einheit der Kirche berief.“
Er trat ins Kloster vom Heiligen Kreuz (Surp Nshan) ein, wo er das monastische Leben und den Namen Mekhitar annahm, der armenisch "Tröster" bedeutet. Er wurde 1696 zum Priester geweiht, beseelt von einem glühenden Wunsch nach religiöser und kultureller Erneuerung. 1700 gründete er in Konstantinopel die Kongregation, die später seinen Namen annehmen sollte. Von den Osmanen verfolgt, ging er ins Exil, zuerst nach Modon auf der Peleponnes und dann 1715 schließlich nach Venedig.
1717 überließ Venedigs Signoria Mekhitar und seiner Gemeinschaft die Insel San Lazaro, die bald zum schlagenden Herzen der Armenischen kulturellen und spirituellen Renaissance in der Diapora wurde.
„Die Laguneninsel San Lazzaro […] wurde zu einem Teil des geliebten Armeniens, wo er sich dauerhaft niederließ und am 27. April 1749 in Andacht starb.“
Von diesem Ort – der sich zu einem Leuchtfeuer der Spiritualität, Kultur und des Dialogs entwickelte – gingen einige der bedeutendsten Errungenschaften der Mechitaristen-Gemeinschaft hervor: eine neue Übersetzung der Bibel ins klassische Armenische (1735), die Zusammenstellung eines Wörterbuchs (1749) sowie die Gründung einer Bibliothek und einer Druckerei, die zu wichtigen Anlaufstellen für Armenier weltweit wurden.
Aghachem zkez Asdvadzadzin
Wir flehen dich an, Mutter Gottes,
Tempel des fleischgewordenen Wortes.
Hoch und strahlend wie die Sonne,
lege Fürsprache für mich bei deinem Sohn ein.
Herr, erbarme dich. Herr, erbarme dich.
Mutter Gottes, lege Fürsprache für uns ein.
Wir rufen zu dir mit tränengefüllten Augen;
O Jungfrau Maria, erhöre mein Flehen.
Du bist der göttliche Thron –
lege Fürsprache für mich ein, o Jungfrau, die den Herrn geboren hat.
Herr, erbarme dich…
Du bist der geliebte Tabernakel
unseres Königs Christus.
Jesus sammelte sich in deinem Schoß
und nahm die Natur der irdischen Wesen an.
Herr, erbarme dich…
Er, für die Engel unerreichbar,
wurde von dir für Adam geboren.
O Mutter, die das Licht geboren hat,
ich knie vor dir nieder –
lege Fürsprache für mich bei deinem Herrn ein.
Herr, erbarme dich…
Nur wenige Persönlichkeiten in der Geschichte des armenischen Mönchtums vereinten asketische Strenge mit poetischer Sensibilität wie Mekhitar. Als Gründer der Mechitaristen-Kongregation war er nicht nur ein religiöser und kultureller Reformator, sondern auch ein inspirierter Hymnendichter von seltener liturgischer Tiefe. Seine Marienhymnen – die noch heute in Armenien und in der gesamten Diaspora gesungen werden – zeugen von einem verwundeten und doch strahlenden Glauben, der selbst inmitten der Dunkelheit zum Lobpreis fähig ist.
In seiner Dichtung wendet sich Mekhitar an Maria nicht nur als Mutter Gottes, sondern auch als Tabernakel des Wortes, Licht der Seele und Wohnstätte des Ungeschaffenen. Seine Hymnen sind zutiefst persönlich und theologisch reichhaltig. Leid – wie der Verlust seines Augenlichts – wird für ihn zum Weg der spirituellen Erhebung, zum Lied des Vertrauens und der Hingabe an die Himmlische Mutter.
Wie sein Biograf M. Nowrikhan berichtet, begann Mekhitar bereits in seiner Jugend mit dem Verfassen von Versen. Er vertonte eigene Melodien und lehrte sie sowohl Mönchen als auch Laien. Seine alphabetischen Hymnen an die Jungfrau Maria – jede Strophe beginnt mit einem Buchstaben des armenischen Alphabets – schöpfen aus der reichen mystisch-poetischen Tradition des Ostens und stehen in der Tradition von Persönlichkeiten wie dem heiligen Nerses Shnorhali dem Gnädigen (†1173), den wir in diesem Artikel bereits erwähnt haben. Diese mündlich überlieferten Lieder ersetzten oft weltliche Volkslieder, prägten sich tief in die Herzen der Menschen ein und werden noch heute mit Ehrfurcht gesungen.
In dieser kurzen, aber tiefgründigen Hymne wird Maria als lebendiger Altar des göttlichen Geheimnisses beschworen, ein spirituelles Echo des Hohelieds. Verfasst, als Mekhitar unter seiner Erblindung litt, erheben sich die Verse aus Trauer zu Lobpreis, verwandeln Schmerz in Flehen und Dunkelheit in die Suche nach Licht.
Wie Nowrikhan schreibt: „Mekhitar war mit orientalischer Musik bestens vertraut und komponierte Melodien für seine Hymnen.“ Er lehrte sie seinen Mitbrüdern und gab sie als integralen Bestandteil der mechitaristischen Spiritualität weiter. In armenischen Familien sangen Mütter und Handwerker seine Hymnen bei der Arbeit und machten so das Marienlob zu einem Akt kultureller Erinnerung und spirituellen Widerstands.
Zu Mekhitars ergreifendsten Kompositionen zählen auch „das Wiegenlied der Mutter Gottes an der Wiege des Jesuskindes“ und „das Lied der Schmerzensmutter, als ihr göttlicher Sohn vom Kreuz abgenommen wurde“, das traditionell am Karfreitag gesungen wird.[7] Es sind die Lieder einer Seele, die in der Nacht preist und in der Jungfrau Maria den Spiegel des göttlichen Lichts findet.
Bis heute bewahrt und vermittelt die Insel San Lazzaro degli Armeni in Venedig Mekhitars Erbe. Seine Hymnen sind keine Reliquien, sondern lebendige Stimmen – Ausdruck eines kultivierten, poetischen, verkörperten Glaubens.
Im Gesang, in der Verbindung von Glaube und Kultur, von Ost und West, bleibt Mekhitar seinem Namen treu: ein Tröster. Und dreieinhalb Jahrhunderte später spenden seine Hymnen immer noch Trost. Erheben immer noch."
Quelle: M. Scapin, OnePeterFive
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