Freitag, 6. Februar 2026

Papst Leo XIV: Über die Bedeutung des Sports

So lautet der Titel des Schreibens, das Papst Leo XIV heute anläßlich der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Italien veröffentlicht hat.. U.a. wiedergegeben bei vaticannews:  klicken

SCHREIBEN DES HEILIGEN VATERS LEO XIV.

                                         DAS LEBEN IN FÜLLE 

                                ÜBER DIE BEDEUTUNG DES SPORTS

Liebe Brüder und Schwestern!

Anlässlich der Feier der XXV. Olympischen Winterspiele, die vom 6. bis 22. Februar in Mailand und Cortina d’Ampezzo stattfinden, und der XIV. Paralympischen Spiele, die vom 6. bis 15. März an denselben Orten abgehalten werden, möchte ich allen direkt Beteiligten meine besten Wünsche übermitteln und gleichzeitig die Gelegenheit nutzen, einige diesbezügliche Überlegungen mit allen zu teilen. Der Sport kann, wie wir wissen, professionell ausgeübt werden und ein sehr hohes Maß an Spezialisierung aufweisen: In dieser Form entspricht er der Berufung einiger weniger, weckt aber Bewunderung und Begeisterung in den Herzen vieler, die mit den Siegen oder Niederlagen der Athleten mitfiebern. Sportliche Betätigung ist jedoch eine weit verbreitete Aktivität, die allen offensteht und für Körper und Geist gesund ist, sodass sie ein allgemeiner Ausdruck des Menschlichen ist.

Sport und Stiftung von Frieden

Anlässlich vergangener Olympischer Spiele haben meine Vorgänger deutlich gemacht, in welcher Weise der Sport eine wichtige Rolle für das Wohl der Menschheit spielen kann, insbesondere für die Förderung des Friedens. So zitierte beispielsweise der heilige Johannes Paul II. 1984 in seiner Ansprache an junge Sportler aus aller Welt die Olympische Charta,[1] die den Sport als einen Beitrag betrachtet zu »einem Geist des besseren gegenseitigen Verständnisses und der Freundschaft, der dazu beiträgt, eine bessere und friedlichere Welt zu schaffen«. Er ermutigte die Teilnehmer mit folgenden Worten: »Lasst eure Begegnungen ein vielsagendes Zeichen für die gesamte Gesellschaft und einen Auftakt zu einem neuen Zeitalter sein, in dem die Völker „nicht das Schwert, Nation gegen Nation“ (Jes 2,4) erheben.«[2]


In diesem Zusammenhang ist auch die Olympische Waffenruhe zu sehen, die im antiken Griechenland als Vereinbarung diente, um vor, während und nach den Olympischen Spielen alle Feindseligkeiten auszusetzen, damit die Sportler und Besucher frei reisen und die Wettkämpfe ohne Unterbrechungen stattfinden konnten. Die Einführung dieser Waffenruhe entspringt der Überzeugung, dass die Teilnahme an geregelten Wettkämpfen (agones) einen individuellen und kollektiven Weg zu Tugend und Vortrefflichkeit (aretē) darstellt. Wenn der Sport in diesem Sinne und unter diesen Bedingungen ausgeübt wird, dient er dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem Gemeinwohl.


Der Krieg entsteht demgegenüber aus einer Radikalisierung von Uneinigkeit und aus der Weigerung, miteinander zu kooperieren. Der Kontrahent wird dann als Todfeind angesehen, den es zu isolieren und möglichst zu beseitigen gilt. Die tragischen Belege dieser Kultur des Todes liegen vor unseren Augen – zerbrochene Leben, zerschlagene Träume, Traumata der Überlebenden, zerstörte Städte –, so als ob das menschliche Zusammenleben in oberflächlicher Weise auf das Geschehen eines Videospiels reduziert worden wäre. Doch dies darf uns niemals vergessen lassen, dass die Aggression, die Gewalt und der Krieg »immer eine Niederlage der Menschheit« sind.[3]


Zu Recht wurde die Olympische Waffenruhe unlängst vom Internationalen Olympischen Komitee und der Generalversammlung der Vereinten Nationen wieder vorgeschlagen. In einer Welt, die nach Frieden dürstet, benötigen wir Instrumente, die »dem Machtmissbrauch, der Zurschaustellung von Stärke und der Gleichgültigkeit hinsichtlich des Rechts ein Ende«[4] setzten. Ich ermutige alle Nationen nachdrücklich, anlässlich der bevorstehenden Olympischen und Paralympischen Winterspiele dieses Instrument der Hoffnung, das die Olympische Waffenruhe darstellt, wiederzuentdecken und zu respektieren, ein Zeichen und eine Verheißung für eine versöhnte Welt.



Der erzieherische Wert des Sports


»Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh 10,10). Diese Worte Jesu helfen uns, das Interesse der Kirche am Sport zu verstehen und die Art und Weise, wie Christen sich ihm nähern. Jesus hat stets den Menschen in den Mittelpunkt gestellt, sich seiner angenommen und für einen jeden ein Leben in Fülle gewünscht. Deshalb ist, wie der heilige Johannes Paul II. sagte, der »Mensch […] der erste Weg, den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags beschreiten muss«.[5] Nach christlicher Auffassung muss also stets der Mensch im Mittelpunkt des Sports in all seinen Ausdrucksformen stehen, auch in denen des Wettkampf- und Profisports.

Bei genauer Betrachtung findet sich eine solide Grundlage für dieses Bewusstsein in den Schriften des heiligen Paulus, der als Apostel der Völker bekannt ist. Zu der Zeit, in der er schrieb, verfügten die Griechen bereits seit langer Zeit über athletische Traditionen. So veranstaltete beispielsweise die Stadt Korinth seit Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. alle zwei Jahre die Isthmischen Spiele. Aus diesem Grund verwendete Paulus in seinem Brief an die Korinther Bilder aus dem Sport, um sie in das christliche Leben einzuführen: »Wisst ihr nicht«, schreibt er, »dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt! Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen« (1 Kor 9,24-25).

In Anlehnung an die paulinische Tradition verwendeten viele christliche Autoren Bilder aus dem Bereich des Sports als Metaphern, um die Dynamik des geistlichen Lebens zu beschreiben. Dies veranlasst uns bis heute, über die tiefe Einheit zwischen den verschiedenen Dimensionen des menschlichen Seins nachzudenken. Obwohl es in vergangenen Epochen nicht an christlichen Schriften mangelt, die – unter dem Einfluss dualistischer Philosophien – eine eher negative Sicht auf den Körper haben, hat der Hauptstrang der christlichen Theologie das Gute der materiellen Welt betont und bekräftigt, dass der Mensch eine Einheit aus Körper, Seele und Geist ist. Tatsächlich widerlegten die Theologen der Antike und des Mittelalters nachdrücklich die gnostischen und manichäischen Lehren, gerade weil diese die materielle Welt und den menschlichen Körper als von Natur aus schlecht betrachteten. Nach diesen Vorstellungen bestünde der Zweck des geistlichen Lebens darin, sich von der Welt und vom Körper zu befreien. Im Gegensatz dazu beriefen sich die christlichen Theologen auf die Grundüberzeugungen des Glaubens: das Gutsein der von Gott geschaffenen Welt, die Tatsache, dass das Wort Fleisch geworden ist, und die Auferstehung des Menschen in der Einheit von Leib und Seele.

Dieses positive Verständnis der physischen Wirklichkeit begünstigte die Entwicklung einer Kultur, in der der mit dem Geist verbundene Körper voll in die religiöse Praxis einbezogen ist: beim Pilgern, bei Prozessionen, beim geistlichen Spiel, den Sakramenten und dem Gebet, das sich Bilder, Statuen und verschiedene Darstellungsformen zunutze macht.

Mit der Verbreitung des Christentums im Römischen Reich verloren die für die römische Kultur typischen Sportveranstaltungen – insbesondere die Gladiatorenkämpfe – zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung. Allerdings war das Mittelalter von der Entstehung neuer sportlicher Betätigungen geprägt, wie beispielsweise Ritterturnieren, auf die die Kirche ihre Aufmerksamkeit in ethischer Hinsicht konzentrierte und zu deren christlicher Neuinterpretation sie beitrug, wie die Predigten des heiligen Abtes Bernhard von Clairvaux belegen.

Zur gleichen Zeit erkannte die Kirche den erzieherischen Wert des Sports, auch dank des Beitrags von Persönlichkeiten wie Hugo von St. Viktor und Thomas von Aquin. Hugo betonte in seinem Werk Didascalicon die Bedeutung gymnastischer Übungen im Lehrplan und trug damit zur Entwicklung des mittelalterlichen Bildungssystems bei.[6]

Die Überlegungen des heiligen Thomas von Aquin zum Spiel und zur körperlichen Betätigung stellten die „Mäßigung“ als grundlegendes Merkmal eines tugendhaften Lebens in den Vordergrund. Laut Thomas betrifft ein solches nicht nur die Arbeit oder ernste Beschäftigungen, sondern erfordert auch Zeit für Spiel und Erholung. Thomas von Aquin schreibt: »Andererseits sagt Augustinus: „Ich will, dass du dich einmal schonst…, denn der Weise soll bisweilen den Blick abwenden von den Dingen, die uns gefangen nehmen.“ Doch dieses Urlaubnehmen des Geistes von den Geschäften geschieht durch lustiges Reden und Tun. Dies geziehmt sich also bisweilen für den Weisen und Tugendhaften.«[7] Thomas erkennt, dass Menschen spielen, weil das Spiel eine Quelle der Freude ist, und dass sie es daher um seiner selbst willen ausüben. Als Antwort auf den Einwand, dass eine tugendhafte Handlung auf ein Ziel ausgerichtet sein müsse, bemerkt er: »Die Scherze haben keine Beziehung zu einem außen bestehenden Zwecke, […]; sondern wollen das Wohl des Scherzenden selber, insofern sie Vergnügen oder Ruhe gewähren.«[8] Diese von Thomas von Aquin entwickelte „Ethik des Spiels“ übte einen bemerkenswerten Einfluss auf die Predigt und die Erziehung aus.

Der Sport, eine Lebensschule und ein Areopag der Gegenwart


In diese lange Tradition reihte sich der Humanist Michel de Montaigne ein, als er in einem Essay über die Erziehung schrieb: »Wir erziehen keine Seele, wir erziehen keinen Körper: wir erziehen eine Person. Man darf sie nicht in zwei Teile spalten.«[9] Dies war sein Argument dafür, Sportunterricht und Sport in den Schulalltag zu integrieren. Diese Grundsätze wurden in den Schulen der Jesuiten angewendet und durch die Schriften des heiligen Ignatius von Loyola bestärkt, insbesondere durch die Konstitutionen der Gesellschaft Jesu und die Ratio Studiorum.[10]

In diesen Zusammenhang fügt sich auch das Werk großer Pädagogen ein, vom heiligen Philipp Neri bis zum heiligen Johannes Bosco. Letzterer schuf durch die Verbreitung der Oratorien eine besondere Brücke zwischen der Kirche und den jüngeren Generationen, indem er auch den Sport zu einem Bereich der Evangelisierung machte.[11] In diesem Kontext kann auch an die Enzyklika Rerum novarum (1891) von Leo XIII. erinnert werden: Sie gab den Anstoß zur Gründung zahlreicher katholischer Sportvereine und reagierte damit auf pastoraler Ebene auf die veränderten Anforderungen des modernen Lebens – man denke nur an die Lebensbedingungen der Arbeiter nach der industriellen Revolution – und auf die sich abzeichnenden neuen Gewohnheiten.[12]

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelte sich der Sport zu einem Massenphänomen. Zudem wurden die Olympischen Spiele der Neuzeit ins Leben gerufen (1896). Laien und Geistliche widmeten dieser Wirklichkeit eine aufmerksamere und systematischere Betrachtung. Beginnend mit dem Pontifikat des heiligen Pius X. (1903-1914) ist ein wachsendes Interesse am Sport zu verzeichnen, was durch zahlreiche päpstliche Verlautbarungen belegt wird. In diesen Äußerungen vertrat die katholische Kirche durch die Stimme der Päpste eine Sichtweise zum Sport, die die Würde des Menschen, seine ganzheitliche Entwicklung, seine Erziehung und seine Beziehung zu anderen fokussierte sowie dessen universellen Wert als Mittel zur Förderung von Werten wie Geschwisterlichkeit, Solidarität und Frieden hervorhob. Bezeichnend ist folgende Frage, die der verehrungswürdige Pius XII. 1945 in einer Ansprache an italienische Sportler stellte: »Wie könnte sich die Kirche also nicht [für den Sport] interessieren?«[13]

Das Zweite Vatikanische Konzil hat seine positive Bewertung des Sports in den weiteren Kontext der Kultur gestellt und empfohlen, dass »die Freizeit […] nun sinnvoll zur Entspannung und zur Kräftigung der geistigen und körperlichen Gesundheit verwendet werden [soll]: […] durch den Sport mit seinen Veranstaltungen, der zum psychischen Gleichgewicht des Einzelnen und der Gesellschaft sowie zur Anknüpfung brüderlicher Beziehungen zwischen Menschen aller Lebensverhältnisse, Nationen oder Rassen beiträgt.«[14] Mit dem Erkennen der Zeichen der Zeit ist das kirchliche Bewusstsein für die Bedeutung des Sports also gewachsen. Das Konzil stellte in diesem Bereich eine Art Blütezeit dar: Es entwickelte sich ein Nachdenken über den Sport im Zusammenhang mit dem Glaubensleben, und eine Vielzahl pastoraler Erfahrungen im Sportbereich haben in den folgenden Jahrzehnten ihre schöpferische Kraft entfaltet. Auch die Dikasterien des Heiligen Stuhls haben wichtige Initiativen im Dialog mit diesem Bereich des menschlichen Lebens gefördert.[15]

Von großer Bedeutung waren zwei von Johannes Paul II. begangene Heilig-Jahr-Feiern mit Vertretern aus dem Bereich des Sports: die erste am 12. April 1984, im Heiligen Jahr der Erlösung; die zweite am 29. Oktober 2000 im Olympiastadion von Rom. In die gleiche Richtung ging das Heilige Jahr 2025, das den kulturellen, erzieherischen und symbolischen Wert des Sports als universale menschliche Sprache der Begegnung und der Hoffnung wieder ausdrücklich betont hat. Diese Einstellung führte auch dazu, den Giro d’Italia im Vatikan zu empfangen: Dieses große Radrennen ist ein Sportereignis, aber auch eine Art Volksfest, das Regionen, Generationen und soziale Unterschiede verbindet und das Herz der menschlichen Gemeinschaft auf ihrem Weg ansprechen kann.

Offensichtlich war der Sport auch jenseits der Orte mit frühester christlicher Tradition schon in anderen uns bekannten Kulturen weit verbreitet. Selbst die traditionell mündlich überlieferten Kulturen haben Spuren von Spielfeldern, Sportgeräten sowie Bilder oder Skulpturen hinterlassen, die mit ihren sportlichen Aktivitäten in Verbindung stehen. Es gibt also viel zu lernen aus den sportlichen Traditionen der indigenen Kulturen der afrikanischen und asiatischen Länder, Amerikas und anderer Regionen der Welt.

Auch heute spielt der Sport in den meisten Kulturen weiterhin eine bedeutende Rolle. Er bietet einen privilegierten Raum für Beziehungen und Dialog mit unseren Brüdern und Schwestern, die anderen religiösen Traditionen angehören, sowie mit denen, die sich zu keiner davon bekennen

Sport und Persönlichkeitsentwicklung


Einige Sozialwissenschaftler können uns helfen, die menschliche und kulturelle Bedeutung des Sports und damit auch seine geistliche Bedeutung besser zu verstehen. Ein relevantes Beispiel dafür ist die Forschung zum sogenannten Flow-Erleben (oder „Fluss“) im Sport und in anderen Bereichen der Kultur.[16] Dieses Erleben tritt in der Regel zwischen Personen auf, die eine Tätigkeit ausüben, die Konzentration und Geschicklichkeit erfordert, wenn der Schwierigkeitsgrad dem von ihnen bereits erreichten Niveau entspricht oder leicht darüber liegt. Denken wir beispielsweise an einen längeren Ballwechsel im Tennis: Der Grund, warum dies einer der unterhaltsamsten Teile eines Spiels ist, liegt darin, dass jeder Spieler den anderen an die Grenzen seines Könnens bringt. Diese Erfahrung ist begeisternd, und die beiden Spieler spornen sich gegenseitig an, besser zu werden; dies gilt für zwei zehnjährige Kinder ebenso wie für zwei Weltklasseprofis.

Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen nicht nur durch Geld oder Ruhm motiviert werden, vielmehr können sie Freude und innere Befriedigung aus den Tätigkeiten ziehen, die sie ausüben, wenn sie diese aslo aufgrund ihrer Wertes selbst schätzen. Insbesondere ist beobachtet worden, dass Menschen Freude empfinden, wenn sie sich einer Tätigkeit oder einer Beziehung voll und ganz hingeben und über den Punkt hinauswachsen, an dem sie sich befanden, gewissermaßen eine Vorwärtsbewegung vollziehen. Derartige Dynamiken fördern das Wachstum des Menschen in seiner Gesamtheit.

Während einer sportlichen Aktivität konzentriert sich die Person zudem häufig vollständig auf das, was sie tut. Es kommt zu einer Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein, sodass kein Raum mehr für eine explizite Aufmerksamkeit für sich selbst bleibt. In diesem Sinne unterbricht ein solches Erleben die Neigung zum Egozentrismus. Zugleich berichten die Menschen von einem Gefühl der Verbundenheit mit ihrer Umgebung. Bei Mannschaftssportarten wird dies in der Regel als Verbundenheit oder Einheit mit den Mitspielern empfunden: Die Spieler sind nicht mehr auf sich selbst bezogen, da sie Teil einer Gruppe sind, die ein gemeinsames Ziel verfolgt. Papst Franziskus hat diesen Aspekt mehrfach hervorgehoben, wenn er junge Sportler dazu ermutigte, Teamplayer zu sein. Er sagte beispielsweise: »Spielt mit der Mannschaft, als Team! Die Mitgliedschaft in einem Sportverein bedeutet, dass man jede Form des Egoismus und der Selbstisolierung ablehnt. Sie ist eine Gelegenheit, anderen Menschen zu begegnen und mit ihnen zusammen zu sein, sich gegenseitig zu helfen, den Wettkampf in gegenseitiger Achtung auszutragen und in der Brüderlichkeit zu wachsen.«[17]

Wenn Mannschaftssportarten nicht vom Profitstreben verdorben sind, bringen sich junge Menschen für etwas ein, das ihnen sehr wichtig ist. Dabei handelt es sich um eine großartige Möglichkeit zur Persönlichkeitsbildung. Es ist nicht immer einfach, die eigenen Fähigkeiten zu erkennen oder zu verstehen, wie sie für die Mannschaft nützlich sein können. Überdies bringt die Zusammenarbeit mit Gleichaltrigen manchmal die Notwendigkeit mit sich, Konflikte zu bewältigen, mit Frustrationen und Misserfolgen umzugehen. Man muss sogar lernen, zu vergeben (vgl. Mt 18,21-22). Auf diese Weise entwickeln sich grundlegende persönliche, christliche und bürgerliche Tugenden.

Die Trainer spielen eine entscheidende Rolle dabei, ein Umfeld zu schaffen, in dem diese Dynamiken erlebt werden können, und die Spieler dabei zu begleiten. Angesichts der dabei involvierten Komplexität des menschlichen Wesens ist es sehr hilfreich, wenn ein Trainer von geistlichen Werten geleitet wird. Es gibt viele Trainer dieser Art, sowohl in christlichen Gemeinschaften und anderen Bildungseinrichtungen als auch im Wettkampfsport und im professionellen Spitzensport. Sie beschreiben die Mannschaftskultur oft als eine, die auf Liebe fußt, die jedem Einzelnen Respekt und Unterstützung entgegenbringt und ihn ermutigt, das eigene Beste zum Wohl der Gruppe zu geben. Wenn ein junger Mensch Teil einer solchen Mannschaft ist, lernt er etwas Grundlegendes darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und zu wachsen. Und tatsächlich, »nur gemeinsam werden wir wirklich wir selbst. Nur in der Liebe wird unser Inneres tief und unsere Identität stark«.[18]

Wenn wir den Blick noch stärker weiten, ist es von Bedeutung, daran zu erinnern, dass Sport, gerade weil er eine Quelle der Freude ist und die persönliche Entwicklung sowie soziale Beziehungen fördert, allen Menschen zugänglich sein sollte, die ihn ausüben möchten. In einigen Gesellschaften, die sich als fortschrittlich betrachten und in denen Sport nach dem Prinzip „bezahlen, um zu spielen” organisiert ist, können sich Kinder aus ärmeren Familien und Gemeinschaften die Teilnahmegebühren nicht leisten und bleiben ausgeschlossen. In anderen Gesellschaften ist es Mädchen und Frauen nicht gestattet, Sport zu treiben. Manchmal bestehen bei der Ausbildung der Ordensleute, insbesondere der weiblichen, weiter Vorbehalte und Bedenken gegenüber körperlicher Betätigung und Sport. Es ist daher notwendig, sich dafür einzusetzen, dass Sport für alle zugänglich wird. Dies ist für die Persönlichkeitsentwicklung sehr wichtig. Dies haben mir die bewegenden Berichte von Mitgliedern der Olympiamannschaft der Flüchtlinge oder von Teilnehmern an den Paralympics, den Special Olympics und dem Homeless World Cup bestätigt. Wie wir gesehen haben, machen die authentischen Werte des Sports auf ganz natürliche Weise offen für Solidarität und Inklusion.

Risiken, die sportliche Werte gefährden


Nachdem wir uns damit befasst haben, wie der Sport zur Entwicklung des Menschen beiträgt und das Gemeinwohl fördert, müssen wir nun die Dynamiken aufzeigen, die diese Ergebnisse beeinträchtigen können. Dies geschieht vor allem durch eine Form der „Korruption“, die für alle offensichtlich ist. In vielen Gesellschaften ist der Sport eng mit Wirtschaft und Finanzen verbunden. Es ist offensichtlich, dass Geld nötig ist, um sportliche Aktivitäten zu unterstützen, die von öffentlichen Einrichtungen, anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Bildungseinrichtungen sowie von privaten Einrichtungen auf Wettkampf- und Profiebene durchgeführt werden. Probleme entstehen dann, wenn das Geschäft zur primären oder ausschließlichen Motivation wird. Dann beruhen die Entscheidungen nicht mehr auf der Würde der Menschen oder dem Wohl des Sportlers, seiner ganzheitlichen Entwicklung und jener der Gemeinschaft.

Wenn man darauf abzielt, den Gewinn zu maximieren, wird das, was gemessen oder quantifiziert werden kann, überbewertet, auf Kosten von unermesslich wichtigen menschlichen Dimensionen: „Es zählt nur das, was gezählt werden kann“. Diese Denkweise greift im Sport um sich, wenn man sich zwanghaft auf die erreichten Ergebnisse und die Geldsummen konzentriert, die man durch einen Sieg erzielen kann. In vielen Fällen, sogar auf Amateurniveau, haben die Anforderungen und Werte des Marktes andere menschliche Werte des Sports verdrängt, die es hingegen verdienen, bewahrt zu werden.

Papst Franziskus hat auf die negativen Auswirkungen hingewiesen, die solche Dynamiken auf Sportler haben können, und erklärt: »Wenn der Sport einzig und allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten oder als Siegesstreben um jeden Preis gesehen wird, dann läuft man Gefahr, die Athleten zu einer bloßen Ware zu reduzieren, aus der sich Profit schlagen lässt. Die Athleten selbst werden Teil eines Mechanismus, der sie erfasst, der eigentliche Sinn ihrer Aktivitäten kommt ihnen abhanden, jene Freude am Spiel, die sie einst als Kinder in ihren Bann zog und sie zu vielen großen Opfern trieb und sie dazu brachte, Sieger zu werden. Der Sport ist Harmonie, aber wenn ein übermäßiges Streben nach Geld und Erfolg die Oberhand gewinnt, dann zerbricht diese Harmonie.«[19]

Auch Leistungssportler und Profisportler riskieren, sich auf sich selbst und ihre Leistung zu konzentrieren, wenn wirtschaftliche Interessen zum primären oder ausschließlichen Ziel werden, wodurch die gemeinschaftliche Dimension des Spiels geschwächt und sein sozialer und zivilisatorischer Wert untergraben wird. Der Sport ist hingegen eine Praxis, die über Werte verfügt, die von allen Beteiligten geteilt werden und die das Zusammenleben auch in schwierigen Situationen menschlicher machen können. Eine unverhältnismäßige Fokussierung auf das Geld lenkt die Aufmerksamkeit hingegen explizit und reduktiv auf sich selbst. Auch in diesem Fall gilt das Wort Jesu: »Niemand kann zwei Herren dienen« (Mt 6,24).

Ein besonderes Risiko entsteht, wenn die finanziellen Vorteile, die sich aus dem Erfolg im Sport ergeben, als wichtiger angesehen werden als der Eigenwert der Teilnahme: Das Diktat der Leistung kann zum Einsatz von Dopingmitteln und anderen Formen des Betrugs verleiten und dazu, dass sich Mannschaftssportler eher auf ihr wirtschaftliches Wohlergehen als auf die Redlichkeit in ihrer Sportart konzentrieren. Wenn finanzielle Anreize zum einzigen Kriterium werden, kann es vorkommen, dass Einzelpersonen und Mannschaften ihre Ergebnisse der Korruption und Einmischung der Glücksspielindustrie unterwerfen. Diese verschiedenen Formen des Betrugs korrumpieren nicht nur die sportliche Betätigung selbst, sondern sie desillusionieren auch die breite Öffentlichkeit und untergraben den positiven Beitrag des Sports zur Gesellschaft insgesamt.

Der Wettkampf und die Kultur der Begegnung


Wenn wir unseren Blickwinkel auf den Bereich der sportlichen Wettkämpfe erweitern, können auch diese eine wichtige Rolle bei der Förderung der Einheit zwischen den Menschen spielen. Interessanterweise leitet sich das lateinische Wort competitio (Wettkampf) von zwei Wurzeln ab: cum – „zusammen“ – und petere – „suchen“. In einem Wettkampf, so kann man also sagen, streben zwei Personen oder zwei Mannschaften gemeinsam nach Spitzenleistungen. Sie sind keine Todfeinde. Und in der Zeit vor oder nach dem Wettkampf gibt es in der Regel die Möglichkeit, sich zu treffen und kennenzulernen.

Genau aus diesem Grund setzt echter sportlicher Wettkampf einen gemeinsamen ethischen Pakt voraus: die redliche Akzeptanz der Regeln und die Achtung der Lauterkeit des Wettkampfs. Die Ablehnung von Doping und jeder Form von Korruption ist beispielsweise nicht nur eine Frage der Disziplin, sondern betrifft das Wesen des Sports selbst. Die Leistung auf künstliche Weise zu verändern oder das Ergebnis zu kaufen bedeutet, die Dimension des cum-petere zu zerstören, indem das gemeinsame Streben nach Exzellenz in eine individuelle oder einseitige Überwältigung verwandelt wird.

Wahrer Sport erzieht hingegen zu einem gelassenen Umgang mit Grenzen und Normen. Die Grenze ist eine Schwelle, mit der man leben muss: Sie ist es, die die Anstrengungen sinnvoll, den Fortschritt verständlich und Verdienste erkennbar werden lässt. Die Norm ist die gemeinsame „Grammatik”, die das Spiel überhaupt erst möglich macht. Ohne Regeln gibt es weder Wettkampf noch Begegnung, sondern bloß Chaos oder Gewalt. Die Grenzen des eigenen Körpers, der Zeit und der Mühe anzunehmen und die gemeinsamen Regeln zu respektieren bedeutet anzuerkennen, dass Erfolg aus Disziplin, Ausdauer und Redlichkeit erwächst.

In diesem Sinne vermittelt der Sport auch außerhalb des Wettkampfplatzes eine entscheidende Lektion: Er lehrt, dass man nach Höchstleistungen streben kann, ohne dabei die eigene Verletzlichkeit zu leugnen, dass man gewinnen kann, ohne andere zu demütigen, und dass man verlieren kann, ohne als Mensch besiegt zu werden. Fairer Wettkampf birgt somit eine zutiefst menschliche und gemeinschaftliche Dimension: Er trennt nicht, sondern verbindet; er verabsolutiert nicht das Ergebnis, sondern weiß um den Wert des Weges dorthin; er vergötzt nicht die Leistung, sondern erkennt die Würde jener an, die mitwirken.

Gerechter Wettkampf und eine Kultur der Begegnung betreffen nicht nur die Spieler, sondern auch die Zuschauer und Fans. Das Zugehörigkeitsgefühl zur eigenen Mannschaft kann für viele Fans ein sehr wichtiger Bestandteil ihrer Identität sein: Sie teilen die Freuden und Enttäuschungen ihrer Helden und finden zu einem Gemeinschaftsgefühl mit den anderen Anhängern. Dies ist in der Regel ein positiver Faktor in der Gesellschaft, eine Quelle freundschaftlicher Konkurrenz und spaßiger Sticheleien, was jedoch problematisch werden kann, wenn es zu einer Polarisierung kommt, die zu verbaler und körperlicher Gewalt führt. Dann verwandelt sich das Anfeuern von einem Ausdruck der Unterstützung und Verbundenheit in Fanatismus; das Stadion wird zum Ort der Konfrontation statt der Begegnung. Hier vereint der Sport nicht, sondern radikalisiert, er erzieht nicht, sondern verdirbt, weil er die persönliche Identität auf eine blinde und antagonistische Zugehörigkeit reduziert. Dies ist dann besonders besorgniserregend, wenn die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit anderen Formen politischer, sozialer und religiöser Diskriminierung verbunden ist und indirekt dazu genutzt wird, tieferen Formen von Ressentiments und Hass Ausdruck zu verleihen.

Insbesondere internationale Wettkämpfe bieten eine hervorragende Gelegenheit, unser gemeinsames Menschsein in seiner ganzen Vielfalt zu erleben. Die Eröffnungs- und Abschlusszeremonien der Olympischen Spiele sind tatsächlich sehr bewegend, wenn wir die Athleten mit den Nationalflaggen und der traditionellen Kleidung ihrer Länder vorbeiziehen sehen. Solche Erfahrungen können uns inspirieren und uns daran erinnern, dass wir dazu berufen sind, eine einzige Menschheitsfamilie zu bilden. Die Werte, die der Sport fördert – wie Redlichkeit, Gemeinschaftssinn, Aufgeschlossenheit, Dialog und Vertrauen in andere –, sind allen Menschen gemein, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Kultur und ihrem Glauben.[20]

Sport, Beziehung und Unterscheidungsvermögen


Der Sport entsteht als zwischenmenschliches Erlebnis: Er bringt Körper und durch die Körper Lebensgeschichten, Unterschiede und Zugehörigkeiten miteinander in Kontakt. Gemeinsames Training, redliche Wettkämpfe, das Teilen der Anstrengung und der Freude am Spiel fördern den Austausch und schaffen Bindungen, die soziale, kulturelle und sprachliche Barrieren überwinden. In diesem Sinne begünstigt der Sport soziale Beziehungen erheblich: Er schafft Gemeinschaft, lehrt den Respekt vor gemeinsamen Regeln und vermittelt, dass kein Ergebnis allein die Frucht eines einsamen Weges ist. Doch gerade weil er tiefe Leidenschaften weckt, hat der Sport auch seine Grenzen.

Die erzieherische Bedeutung des Sports zeigt sich insbesondere im Verhältnis zwischen Sieg und Niederlage. Gewinnen bedeutet nicht einfach nur, sich durchzusetzen, sondern den Wert des zurückgelegten Weges, der Disziplin und des gemeinsamen Engagements anzuerkennen. Verlieren bedeutet seinerseits nicht das Scheitern einer Person, sondern kann zu einer Schule der Wahrheit und Demut werden. Der Sport erzieht somit zu einem tieferen Verständnis des Lebens, in dem der Erfolg niemals endgültig ist und der Misserfolg niemals das letzte Wort ist. Die Niederlage ohne Verzweiflung und den Sieg ohne Arroganz anzunehmen bedeutet, zu lernen, sich in reifer Weise in der Wirklichkeit zu bewegen, indem man die eigenen Grenzen und Möglichkeiten erkennt.

Es ist zudem nicht ungewöhnlich, dass dem Sport eine fast religiöse Funktion zugeschrieben wird. Stadien werden als weltliche Kathedralen wahrgenommen, Spiele als kollektive Liturgien, Sportler als Heilbringer. Diese Sakralisierung offenbart ein authentisches Bedürfnis nach Sinn und Gemeinschaft, sie riskiert jedoch, sowohl den Sport als auch die geistliche Dimension des Lebens zu entleeren. Wenn der Sport den Anspruch erhebt, die Religion zu ersetzen, verliert er seinen Charakter als Spiel und als Dienst am Leben, er wird absolut, alles vereinnahmend und unfähig, sich selbst zu relativieren.

In diesem Zusammenhang ist auch die Gefahr des Narzissmus zu erwähnen, der heute die gesamte Sportkultur durchdringt. Der Sportler kann sich auf den Spiegel seines leistungsfähigen Körpers, seines an Bekanntheit und Zuspruch gemessenen Erfolgs fixieren. Der Kult um das Image und die Leistung, der durch die Medien und digitalen Plattformen noch verstärkt wird, droht den Menschen zu zersplittern und den Körper von Verstand und Geist abzutrennen. Es bedarf dringend eines ganzheitlichen Blicks auf den Menschen, der das körperliche Wohlbefinden nicht vom inneren Gleichgewicht, von ethischer Verantwortung und von der Öffnung gegenüber anderen trennt. Es ist nötig, jene Persönlichkeiten wiederzuentdecken, die sportliche Leidenschaft, soziale Sensibilität und Heiligkeit in sich vereint haben. Unter den vielen Beispielen, die ich nennen könnte, möchte ich an den heiligen Pier Giorgio Frassati (1901-1925) erinnern, einen jungen Mann aus Turin, der Glauben, Gebet, soziales Engagement und Sport in vollkommener Weise miteinander verband. Pier Giorgio war ein begeisterter Bergsteiger und organisierte oft Ausflüge mit seinen Freunden. In die Berge zu gehen und in diese majestätischen Landschaften einzutauchen, das ließ ihn die Größe des Schöpfers betrachten.

Eine weitere Entstellung zeigt sich in der politischen Instrumentalisierung internationaler Sportwettkämpfe. Wenn der Sport der Logik von Macht, Propaganda oder nationaler Vorherrschaft unterworfen wird, dann wird seine universale Berufung verraten. Große Sportveranstaltungen sollten Orte der Begegnung und der gegenseitigen Bewunderung sein, und keine Bühnen für die Durchsetzung politischer oder ideologischer Interessen.

Die Herausforderungen der Gegenwart werden durch die Auswirkungen des Transhumanismus und der künstlichen Intelligenz auf die Welt des Sports noch verstärkt. Die auf die Leistung angewandten Technologien drohen eine künstliche Trennung zwischen Körper und Geist herbeizuführen und den Sportler in ein optimiertes, kontrolliertes Produkt zu verwandeln, das über seine natürlichen Grenzen hinaus potenziert wird. Wenn die Technik nicht mehr im Dienste der Person steht, sondern diese neu definieren will, dann verliert der Sport seine menschliche und sinnbildliche Dimension und wird zu einem Laboratorium für körperverlorene Experimente.

Im Gegensatz zu solchen Verirrungen verfügt der Sport über eine außergewöhnliche integrative Kraft. Richtig ausgeübt, eröffnet er Menschen jeden Alters, jeder sozialen Herkunft und jeder Leistungsfähigkeit Teilnahmemöglichkeiten und wird so zu einem Mittel für Integration und Würde.

In diese Perspektive fügt sich die Erfahrung von Athletica Vaticana ein. Sie wurde 2018 als offizielles Team des Heiligen Stuhls gegründet und steht unter der Obhut des Dikasteriums für Kultur und Bildung. Sie zeugt davon, dass Sport auch als kirchlicher Dienst verstanden werden kann, insbesondere zugunsten der Ärmsten und Schwächsten. Der Sport ist hier kein Spektakel, sondern Nähe; keine Selektion, sondern Begleitung; kein erbitterter Wettkampf, sondern ein gemeinsamer Weg.

Schließlich muss man sich mit der zunehmenden Angleichung des Sports an die Logik von Videospielen auseinandersetzen. Die extreme Gamifizierung der sportlichen Betätigung, die Reduzierung des Erlebnisses auf Punktestände, Levels und wiederholbare Leistungen, droht den Sport vom realen Körper und von konkreten Beziehungen zu entkoppeln. Das Spiel, das immer mit Risiko, Unvorhersehbarkeit und Gegenwart verbunden ist, wird durch eine Simulation ersetzt, die totale Kontrolle und sofortige Befriedigung verspricht. Den authentischen Wert des Sports zurückzugewinnen bedeutet daher, ihm seine Körper-, Erziehungs- und Beziehungsdimension zurückzugeben, damit er eine Schule der Menschlichkeit bleibt und kein bloßes Konsumobjekt.

Sportseelsorge für ein Leben in Fülle


Eine gelungene Sportseelsorge entsteht aus dem Bewusstsein, dass der Sport einer jener Orte ist, an denen Vorstellungen entstehen, Lebensstile geformt und junge Generationen erzogen werden. Aus diesem Grund ist es erforderlich, dass die Ortskirchen den Sport als einen Raum der Unterscheidung und Begleitung erkennen, der ein Engagement im Bereich der menschlichen und geistlichen Begleitung verdient. In dieser Perspektive erscheint es angebracht, dass es innerhalb der Bischofskonferenzen Ämter oder Kommissionen gibt, die sich dem Sport widmen und in denen die Seelsorgeangebote erarbeitet und koordiniert werden, indem ein Dialog zwischen den sportlichen, erzieherischen und gesellschaftlichen Einrichtungen in den jeweiligen Gegenden hergestellt wird. Der Sport durchzieht nämlich Pfarreien, Schulen, Universitäten, Jugendzentren, Vereine und Stadtviertel: eine gemeinsame Vision zu fördern, ermöglicht es, Zersplitterungen zu vermeiden und bereits bestehende Erfahrungen wertzuschätzen.

Auf lokaler Ebene entspricht die Ernennung eines Diözesanbeauftragten und die Bestellung von Seelsorgeteams für den Sport demselben Bedürfnis nach Nähe und Beständigkeit. Die pastorale Begleitung des Sports beschränkt sich nicht auf liturgische Feiern, sondern vollzieht sich im Laufe der Zeit, indem man die Anstrengungen, Erwartungen, Enttäuschungen und Hoffnungen derjenigen teilt, die täglich auf dem Spielfeld, in der Trainingshalle oder auf der Straße zu finden sind. Diese Begleitung betrifft sowohl den Sport als Ganzes mit seinen kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen als auch die konkreten Personen, die ihn ausüben. Die Kirche ist aufgerufen, dort Nähe zu zeigen, wo Sport als Beruf, als Wettkampf auf hohem Niveau, als Möglichkeit zum Erfolg oder zur Medienpräsenz gelebt wird, in besonderer Weise soll ihr jedoch der Breitensport am Herzen liegen, der oft durch knappe Ressourcen gekennzeichnet ist, aber einen großen Reichtum an Beziehungen mit sich bringt.

Eine gute Sportpastoral kann wesentlich zum Nachdenken über die Ethik im Sport beitragen. Es geht nicht darum, von außen Normen aufzuerlegen, sondern von innen heraus den Sinn des sportlichen Handelns zu beleuchten und zu zeigen, wie das Streben nach Ergebnissen mit dem Respekt gegenüber anderen, den Regeln und sich selbst vereinbar ist. Insbesondere die Harmonie zwischen körperlicher und geistlicher Entwicklung ist als grundlegende Dimension eines ganzheitlichen Menschenbildes zu betrachten. Der Sport wird auf diese Weise zu einem Ort, an dem man lernt, sich um sich selbst zu kümmern, ohne sich zu vergötzen, über sich hinauszuwachsen, ohne sich selbst auszulöschen, und zu konkurrieren, ohne die Geschwisterlichkeit zu verlieren.

Den Sport als ein offenes und inklusives Instrument der Gemeinschaftlichkeit zu betrachten und zu betreiben, ist eine weitere entscheidende Aufgabe. Der Sport kann und muss ein Ort des Willkommens sein, der Menschen unterschiedlicher sozialer, kultureller und physischer Prägung integrieren kann. Die Freude, beisammen zu sein, die durch das gemeinschaftliche Spiel, das gemeinsame Training und die gegenseitige Unterstützung entsteht, ist einer der einfachsten und tiefgehendsten Ausdrucksformen einer versöhnten menschlichen Gemeinschaft.

In diesem Rahmen sind Sportler ein Vorbild, das anerkannt und begleitet werden sollte. Ihre alltäglichen Erfahrungen vermitteln Askese und Nüchternheit, geduldige Arbeit an sich selbst, Ausgewogenheit zwischen Disziplin und Freiheit sowie Respekt vor den Bedürfnissen von Körper und Geist. Diese Eigenschaften können das gesamte gesellschaftliche Leben erhellen. Das geistliche Leben bietet seinerseits den Sportlern einen Blick, der über die Leistung und das Ergebnis hinausgeht. Es macht die Bedeutung der Übung als einer Praxis deutlich, die das Innere formt. Es hilft, der Anstrengung einen Sinn zu geben, Niederlagen ohne Verzweiflung und Erfolge ohne Überheblichkeit zu erleben, und es verwandelt das Training in eine Disziplin des Menschseins

All dies findet seinen letzten Horizont in dem biblischen Versprechen, das diesem Schreiben seinen Titel gibt: Das Leben in Fülle. Es handelt sich dabei nicht um eine Anhäufung von Erfolgen oder Leistungen, sondern um eine Fülle des Lebens, die den Körper, die Beziehungen und das Innerliche miteinander verbindet. In kultureller Hinsicht lädt das Leben in Fülle dazu ein, den Sport von reduktiven Logiken zu befreien, die ihn zu bloßem Spektakel oder Konsum machen. In pastoraler Hinsicht fordert es die Kirche auf, zu einer Präsenz zu werden, die in der Lage ist, zu begleiten, zu unterscheiden und Hoffnung zu wecken. Auf diese Weise kann der Sport wirklich zu einer Lebensschule werden, in der man lernt, dass die Fülle nicht aus dem Sieg um jeden Preis hervorgeht, sondern aus dem Teilen, aus dem Respekt und aus der Freude, zusammen unterwegs zu sein.

Aus dem Vatikan, am 6. Februar 2026

[1] Comité International Olympique, Olympic Charter 1984 (Losanna 1983), S. 6

[2] Hl. Johannes Paul II., Homilie in der Eucharistiefeier zur Heilig-Jahr-Feier der Sportler (Rom, Olympiastadion, 12. April 1984), 3.

[3] Ders., Neujahrsansprache an das beim Heiligen Stuhl akkreditierte diplomatische Korps (13. Januar 2003), 4.

[4] Ansprache beim Gebetstreffen für den Frieden (Rom, Kolosseum, 28. Oktober 2025).

[5] Hl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor hominis (4. März 1979), 14.

[6] Vgl Hugo von St. Viktor, Didascalicon, II, XXVII: C.H. Buttimer [Hrsg.], Washington 1939, 44.

[7] Hl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, II-II, q. 168, art. 2.

[8] Ebd., I-II, q. 1, art. 6, ad 1.

[9] M. de Montaigne, The Essays, I, 25: J. Balsamo u.a. [Hrsg.], Paris 2007, 171.

[10] Vgl M. Kelly, I cattolici e lo sport. Una visione storica e teologica, in La Civiltà Cattolica 2014 IV, 567-568.

[11] Vgl. A. Stelitano – A. M. Dieguez – Q. Bortolato, I Papi e lo sport, Città del Vaticano 2015.

[12] Vgl. Leo XIII., Enzyklika Rerum novarum (15. Mai 1891), 36.

[13] Pius XII., Discorso agli atleti italiani (20. Mai 1945).

[14] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Gaudium et spes, 61.

[15] Vgl. Dikasterium für die Laien, die Familie und das Leben, Dare il meglio di sé. Documento sulla prospettiva cristiana dello sport e della persona umana (1. Juni 2018).

[16] Vgl. M. Csikszentmihalyi, Beyond Boredom and AnxietyThe Experience of Play in Work and Games. San Francisco, 1975.

[17] Franziskus, Ansprache an die Mitglieder des Italienischen Sportzentrums (7. Juni 2014).

[18] Incontro con le Autorità, Rappresentanti della società civile e il Corpo Diplomatico (Ankara, Türkei, 27. November 2025).

[19] Franziskus, Ansprache an die Mitglieder des Europäischen Olympischen Komitees (23. November 2013).

[20] Vgl. Franziskus, Ansprache an die Teilnehmer und die Organisatoren des „Interreligiösen Fußballspiels für den Frieden“ (1. September 2014).





 

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