Silvia Kritzenberger veröffentlicht bei vaticannews den Wortlaut der Predigt, die Papst Leo XIV bei seinem Pastoralbesuch in der Kirche Sacro Cuore di Gesu im römischen Stadtteil Ponte Mammolo gehalten hat.
"Liebe Brüder und Schwestern",
unsere Eucharistiefeier ist heute mehr denn je von Freude geprägt. Die Schönheit unserer Begegnung fügt sich nämlich in den Kontext des Sonntags ein, der den Namen ‚Laetare‘ trägt: ‚Freue dich‘, nach den Worten des Propheten Jesaja: ‚Freue dich, Jerusalem‘ (Introitus, vgl. Jes 66,10).
Das gibt uns zu denken. Weltweit leiden derzeit viele unserer Brüder und Schwestern unter gewaltsamen Konflikten, die durch den absurden Anspruch ausgelöst werden, Probleme und Meinungsverschiedenheiten durch Kriege lösen zu können, statt im Namen des Friedens unermüdlich den Dialog zu suchen. Manche versuchen sogar, den Namen Gottes in diese Entscheidungen, die Tod bringen, hineinzuziehen – doch Gott lässt sich nicht von der Finsternis vereinnahmen. Er kommt vielmehr immer, um der Menschheit Licht, Hoffnung und Frieden zu schenken. Und eben diesen Frieden müssen jene suchen, die ihn anrufen.
Das ist die Botschaft dieses Sonntags: Ganz gleich, in welchen Abgrund der Mensch wegen seiner Sünden auch fallen mag – Christus kommt, um ein helleres Licht zu bringen: Ein Licht, das den Menschen von der Blindheit des Bösen befreit, damit er ein neues Leben beginnen kann.
So kann man die Begegnung zwischen Jesus und dem Blindgeborenen (vgl. Joh 9,1–41) ja auch tatsächlich mit der Szene einer Geburt vergleichen: wie ein Kind, das das Licht der Welt erblickt, entdeckt der Geheilte eine neue Welt, in der er sich selbst, die anderen und das Leben mit den Augen Gottes sieht (vgl. 1Sam 16,9).
Mit den Augen Gottes sehen..
Fragen wir uns also: Worin besteht dieser Blick? Was offenbart er? Was bedeutet es, „mit den Augen Gottes zu sehen“?
Dem Evangelisten Johannes zufolge bedeutet es vor allem, die Vorurteile derer zu überwinden, die in einem leidenden Menschen einen Ausgestoßenen sehen, für den man nur Verachtung übrighat – oder ein Problem, dem man besser aus dem Weg geht, indem man sich in der Trutzburg eines egoistischen Individualismus verschanzt. Wie oft hört man Sätze wie: „Solange alles gut lief, waren die Freunde zahlreich; in der Stunde der Prüfung aber sind viele gegangen, einfach verschwunden!“ Jesus handelt nicht so: Er blickt den Blinden mit Liebe an, sieht in ihm kein minderwertiges Wesen, keine Last, sondern einen geliebten Menschen, der Hilfe braucht. Und so wird ihre Begegnung zu einer Gelegenheit, die in allen das Wirken Gottes offenbart.
In diesem ‚Zeichen‘, in diesem Wunder, offenbart Jesus seine göttliche Macht. Und der Mensch, der gleichsam die Gesten der Schöpfung noch einmal durchläuft – den Lehm, den Speichel –, zeigt wieder seine ganze Schönheit und Würde als Geschöpf, das nach dem Bild Gottes und ihm ähnlich geschaffen wurde. Indem der Blindgeborene sein Augenlicht zurückgewinnt, wird er zum Zeugen des Lichts.
Gewiss, das ist mit Mühe verbunden: Er muss sich an viele Dinge gewöhnen, die er bisher nicht kannte; er muss lernen, Farben und Formen zu unterscheiden, seine Beziehungen neu zu ordnen – und das ist nicht leicht. Im Gegenteil: die Feindseligkeit um ihn herum wächst, man provoziert ihn, und nicht einmal seine Eltern haben den Mut, ihn zu verteidigen (vgl. Joh 9,18–23). Absurderweise scheint es fast so, als wollten jene, die ihm nahestehen, das Geschehene ungeschehen machen. Und nicht nur das: Bei dem Verhör, dem der Blinde, der nun sehen kann, unterzogen wird, wird vor allem Jesus der Prozess gemacht – er wird beschuldigt, durch die Heilung des Blinden den Sabbat verletzt zu haben.
Die Blindheit, die uns unfähig macht, im Nächsten das Antlitz Gottes zu erkennen
Und so wird bei den Umstehenden eine andere, noch schwerwiegendere Blindheit offenbar: die Unfähigkeit, das Antlitz Gottes zu erkennen, das man direkt vor sich hat. Und so tauschen sie die Möglichkeit einer heilbringenden Begegnung gegen die sterile Sicherheit ein, die ihnen die sture Einhaltung einer Gesetzesvorschrift gibt. Doch Jesus lässt sich von dieser Verblendung nicht aufhalten. Stattdessen zeigt er, dass es keinen „Sabbat“ gibt, der einem Akt der Liebe im Weg stehen könnte. Der Sinn der Sabbatruhe für das Volk Israel – und für uns am Sonntag, dem Tag des Herrn – besteht schließlich gerade darin, das Geheimnis des Lebens als Geschenk zu feiern, angesichts dessen niemand den Hilferuf eines leidenden Bruders oder einer leidenden Schwester ignorieren kann.
Vielleicht sind auch wir in diesem Sinne manchmal blind, wenn wir die anderen und ihre Probleme nicht wahrnehmen. Jesus dagegen fordert uns auf, anders zu leben: so, wie es die erste christliche Gemeinde vorgelebt hat, in der die Brüder und Schwestern, beharrlich im Gebet, in Freude und Lauterkeit des Herzens alles teilten (vgl. Apg 2,42–47). Nicht, dass es an Bedrängnissen und Hindernissen gemangelt hätte, die gab es auch damals schon! Aber sie gaben nicht auf: gestärkt durch das Geschenk der Taufe waren sie allem zum Trotz immer bemüht, als neue Geschöpfe zu leben, in Gemeinschaft und Frieden mit allen, und getragen von einer Gemeinde, die ihnen Familie und Stütze war.
Liebe Freunde, das sind die Früchte, die wir als Kinder des Lichts hervorbringen sollen (vgl. 1Thess 5,4–5). Und eure Pfarrei erfüllt diese Sendung seit rund neunzig Jahren treu und mit besonderer Aufmerksamkeit für Situationen der Armut, der Ausgrenzung und der Not – mit konkreten Hilfen auch für die Insassen des Gefängnisses Rebibbia hier auf eurem Gebiet –, und vielen weiteren Zeichen der Sensibilität und Solidarität.
Die Solidarität mit den Schwächsten
Ich weiß, dass ihr vielen Brüdern und Schwestern aus anderen Ländern helft, hier Fuß zu fassen: die Sprache zu lernen, eine würdige Unterkunft zu finden und einer ehrlichen und sicheren Arbeit nachzugehen. Es mangelt nicht an Schwierigkeiten, die leider manchmal von jenen verschärft werden, die die Not der Schwächsten skrupellos für ihre eigenen Interessen ausnutzen. Ich weiß aber auch, wie sehr ihr euch alle bemüht, diesen Herausforderungen Herr zu werden: durch die Dienste der Caritas, die Familienhäuser zur Aufnahme von Frauen und Müttern in Not – und viele andere Initiativen. Und mir ist auch bekannt, wie aktiv und großzügig ihr euch für die Erziehung der Jugendlichen und Kinder einsetzt – durch das Oratorium und andere Bildungsangebote.
Der heilige Augustinus, der über das Antlitz Gottes nachdachte, dessen Spiegel wir in der Welt sein sollen, hat zu den Christen seiner Zeit gesagt: „Welche Gestalt hat die Liebe? Welche Form hat sie, welche Figur hat sie? Welche Füße, welche Hände? […] Sie hat Füße: denn sie führen dich zur Kirche; sie hat Hände: denn sie strecken sich erbarmend nach den Armen aus; sie hat Augen: denn sie erkennt damit den Notleidenden“ (In Epistolam Joannis ad Parthos, 7, 10). Und über die Nächstenliebe hat er gesagt: „Haltet sie fest! Umfasst sie! Köstlicher als sie ist nichts“ (ebd).
Liebe Freunde, das ist das Geschenk des Lichts, das euch anvertraut wurde, damit ihr es in euch und untereinander in seiner ganzen Sanftheit wachsen lasst und in der Welt verbreitet – durch Gebet, Empfang der Sakramente und Nächstenliebe. Geht diesen Weg mit demselben Einsatz weiter!
Das Heiligste Herz Jesu, dem eure Pfarrei geweiht ist, forme und bewahre diese schöne Gemeinde immer mehr, damit sie – der Gesinnung Christi folgend (vgl. Phil 2,5) –, mit Freude und Hingabe Zeugnis ablegt für den Schatz der Gnade, den ihr empfangen habt.
(vaticannews – übersetzung: silvia kritzenberger)
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