Montag, 6. Juni 2022

Die Kurienreform: "shock and awe" ?

In seiner heutigen Kolumne für "Monday in the Vatican" analysiert und kommentiert A. Gagliarducci die heute in Kraft getretene neue Apostolische Konstitution "Praedicate Evangelium" und die Umgestaltung der Kurie. 
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"PAPST FRANZISKUS´ RADIKALE UMBESETZUNGEN"

Was heute in der Römischen Kurie passieren sollte ( das Konditional ist hier obligatorisch: Gerüchte sind Gerüchte, die Dinge können sich jeden Moment ändern) ist ein Schock und der endgültige Sprengsatz von Papst Franziskus gegen die Kurie und die gegen die Philosophie der Dikasterien. Am 5. Juni ist die Apostolische Konstitution Praedicate Evangelium in Kraft getreten und deshalb muß der Papst die Leiter aller Dikasterien neu ernennen. 

Ernennungen werden nötig. Da ist eine völlig neue Kurie, mit verschiedenen Aufgaben und deshalb muß auch die Bestätigung derer, die in ihrem Amt bleiben angekündigt werden. Jeder fängt von vorne an. Natürlich wird dieser 6. Juni- wenn sich die Gerüchte bestätigen- als der Tag als einer mit den größten Umwälzungen in der Römischen Kurie seit Urzeiten in Erinnerung bleiben.

Papst Franziskus sollte Kardinal Luis Antonio Tagle zum Leiter des Dikasteriums machen, anstelle von Kardinal Marc Oullet, der 77 geworden ist und das Pensionsalter um 2 Jahre überschritten hat. 

Das würde den Posten des Pro-Präfekten des Dikasteriums für die Evangelisierung frei machen. In Anbetracht der anderen Pro-Präfekten, Rino Fisichella ist Erzbischof, wird ds wahrscheinlich ein anderer Erzbischof sein. Vielleicht Erzbischof Giampietro Dal Toso, der aktuelle Sekretär der Kongregation für die Evangelisierung der Völker. 

Das Dicasterium für Katholische Erziehung und Kultur sollte an Kardinal Tolentino Mendonca gehen, der auch seinen Posten als Bibliothekar und Archivar der Hl. Römischen Kirche behalten würde. 

Kardinal Paolo Lojudice sollte als Vikar des Papstes nach Rom versetzt werden. Der derzeitige Vikar, Kardinal Angelo De Donatis, sollte den Platz als Oberster Poenitentiar einnehmen und Kardinal Mauro Piacenza ersetzen, der jetzt 77 Jahre alt ist. 

Es ist nicht klar, wer in das Dikasterium für die Glaubenslehre gehen wird. Der offensichtliche Kandidat war immer Erzbischof Charles J. Scicluna, der nicht auf der Liste der künftigen Kardinäle steht, die von Papst Franziskus am 29. Mai angekündigt wurde. Es steht nicht fest, daß der neue Präfekt Kardinal sein muß. Dennoch ist auch wahr. daß der Papst einmal gesagt hat, er wolle für die Glaubenskongregation und als Almosenier Kardinäle, weil sie die beiden Hände des Papstes repräsentieren, Glaube und Wohltätigkeit. 


Einige sprechen von Kardinal Tagle für die Rolle des Präfekten der Glaubenskongregation (wer dann das Bischofs-Dikasterium leiten würde, müßte noch entschieden werden). Einige denken an eine Überraschung durch den Papst, und argumentieren sogar, daß der Papst der Liste der Kardinäle ein "addendum" hinzufügen könnte. Schließlich hat er ein Konsistorium drei Monate im voraus  angekündigt und es ist noch viel Zeit. Außerdem wäre das nicht das erste mal: Johannes Paul II hat 2001 etwas ähnliches getan, bei dem, was das einflußreichste Konsistorium der jüngeren Geschichte werden sollte. 

Aber muß noch eine andere Abteilung besetzt werden. Kardinal Leonardo Sandri, Präfekt der Kongregation für die Orientalischen Kirchen hat auch schon das Pensionsalter überschritten. Er könnten noch einige wenige Monate  bleiben, um dann durch Kardinal Dominique Mamberti, den aktuellen Präfekten der Apostolischen Signatur ersetzt zu werden Und an wen würde die Signatur gehen? Möglicherweise Erzbischof Filippo Iannone, der aktuelle Präsident des Päpstlichen Rates für Legislative Texte. An die Spitze von "Legislative Texte würde dann Bischof Marco Mellino gehen, der Sekretär des Kardinals-Rates und einer der Planer der Kurienreform. 

Dann müssen neue Sekretäre ernannt, Rollen neu definiert und die Kurien-Maschinerie neu gestartet werden. Diese Montag wird deshalb als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem die Kurie die Kurie von Papst Franziskus wurde. 

So wird Papst Franziskus von der Ankündigung des Konsistoriums für August an dem von ihm gewünschten Gesicht der Kirche in nur einer Woche eine konkrete Gestalt gegeben haben. Sollte der Papst vor dem Konsistorium sterben, würden die angekündigten, aber nicht kreierten Kardinäle nicht mehr Kardinäle werden. Der Papst wird jedoch geholfen haben, die Dinge zu lenken, präzise Signale zu geben und seine Getreuen zu bestätigen.

Daher muss diese mögliche Umgestaltung mit dem Konsistorium am 27. August, vor allem aber mit dem 29. und 30. August in Verbindung gebracht werden. Am 27. August wird Papst Franziskus 21 neue Kardinäle ernennen und damit die Zahl der Kardinäle, die im Konklave stimmen können, vorübergehend auf 132 erhöhen Davon wären dann 62 Prozent von Papst Franziskus kreiert worden.

Interessanterweise wird es am 28. keine Messe mit den neuen Kardinälen geben , weil der Papst in L´Aquila sein wird- wegen der perdonanza celestiniana, dem besonderen Indult, den Coelestin V diesem Gebiet gewährt hat. Coelestin V ist auch der Papst, der auf das Pontifikat verzichtet hat. Rückwärts betrachtet, war die Geste Benedikts XVI während seines Besuch 2009 sein Pallium auf seinem Sarg abzulegen, als symbolischer Hinweis darauf angesehen werden, daß Benedikt XVI auf das Amt verzichtete haben könnte- so wie es Coelestin getan hatte. Deshalb ist es interessant, daß Papst Franziskus an genau diesen Ort geht, anstatt mit den neuen Kardinälen zu zelebrieren. 

Am 29. und 30. August werden sich die Kardinäle seit 2015 zum ersten mal treffen. Damals war das Diskussions-Thema die Kurienreform.  Das wird auch 2022 so sein. Der Unterschied ist, daß 2015 Thema war, wie man die Kurie reformiert. 2022 wird Papst Franziskus die Kardinäle auffordern, die bereits vollendete Arbeit zur Kenntnis zu nehmen. 

Dieses Treffen wird jedoch gerade deshalb von entscheidender Bedeutung sein, weil sich alte und neue Kardinäle zum ersten Mal kennenlernen, ihre Meinung verstehen und möglicherweise sogar über die Nachfolge von Papst Franziskus nachdenken können.

Manche denken an eine auffällige Geste des Papstes wie an seinen Rücktritt. Stattdessen gibt es jedoch auch den Gedanken, jetzt damit zu beginnen, die Regeln zu ändern. Kardinal Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga, der den Rat der Kardinäle leitete, sagte, es sei an der Zeit, Normen für den Rücktritt eines Papstes festzulegen und das Kirchenrecht zu reformieren.

Daher stammt die Vorstellung, Menschen in Rechtspositionen zu haben, die mit dem Gedanken von Papst Franziskus übereinstimmen, für einen echten Putsch, für "shock and awe“, der jeden Widerstand zunichte machen würde. Das klingt nach harten Worten, und ist es vielleicht auch. Auffällig ist jedoch, daß kürzlich die Diakonenweihen der Diözese Toulon in Frankreich ausgesetzt wurden, weil sie vorwiegend traditionalistisch orientiert sind.

Praktisch eine Anklage gegen den Ortsbischof, der neue Priester nicht mehr im Sinne eines angeblich Konzils-Geistes der Liturgie ausgebildet hat. Und so wurde Traditions Custodes, das die Liberalisierung des überlieferten Ritus aufgehoben hat, zu einem Lackmustest: an der Art und Weise wie man es anwendet, kann man verstehen, wie die Bischöfe der Linie des Papstes zustimmen.  

Ob sich jetzt Widerstand entwickelt, bleibt abzuwarten. Was Widerstand genannt wird, war schließlich ein dialektisches Gefecht, das jedoch nie den Gehorsam gegenüber dem Papst beendet hat. Jetzt hat sich etwas geändert, wie die Abstimmungen für Kardinal Zuppi als Präsident der Italienischen Bischofskonferenz belegen: Er war nicht der Kandidat des Papstes, aber er war ein Kandidat, den der Papst nicht ablehnen konnte.

Wie wird also das Klima in der Kirche nach diesem Umbruch sein, falls er stattfindet? Wird die Angst siegen? Und wird diese Angst bis zum kommenden Konklave bestehen bleiben?"

Quelle: A. Gagliarducci, Monday in the Vatican

 

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