In seiner heutigen Kolumne für OnePeterFive thematisiert A. Gagliarducci das erste Jahr des aktuellen Pontifikates. Hier geht´s zum Original: klicken
"LEO XIV: EIN JAHR EINES SOHNES DES HEILIGEN AUGUSTINUS"
Als er zuerst auf der Zentral-Loggia des Petersdomes erschien, hat sich Papst Leo XIV sofort als "ein Sohn des Hl. Augustinus" erklärt. Das war ein Bekenntnis zur eigenen Identität – kraftvoll und unmittelbar –, das sich rasch als ein grundlegendes Merkmal für das Verständnis dieses Papstes und seines Pontifikats erwies.
Im tiefsten Innern ist Leo XIV. ein Ordensmann geblieben. Er liebt das Gemeinschaftsleben, aus dem er so viel Kraft wie möglich zu schöpfen sucht. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer. Er begreift das Regieren als Dienst. Er sucht nach Sinn – nach dem göttlichen Sinn – in den Ereignissen der Welt, in der Pilgerschaft durch die Geschichte und in den Wechselfällen des täglichen Lebens.
Dennoch bleibt Leo XIV. für viele ein Rätsel – selbst nach einem Jahr im päpstlichen Amt.
Der Papst hat keine Revolutionen herbeigeführt. Er hat eine große Kontinuität zu Papst Franziskus gezeigt, zugleich aber auch unterschiedliche Herangehensweisen in bestimmten Fragen erkennen lassen. Er hat einige kleinere Angelegenheiten reformiert und sogar einige Schlüsselpersonen ernannt (den neuen Substituten des Staatssekretariats sowie seinen Nachfolger als Präfekt des Bischofsdikasteriums). Tatsächlich jedoch hat er weder alte Prozesse abgeschlossen noch neue angestoßen.
Der synodale Prozess setzt seinen holprigen Weg fort, veröffentlicht die Berichte seiner Arbeitsgruppen und gibt weitere Erklärungen ab; dabei ist alles andere als klar, inwieweit Leo XIV. diese würdigt. In Deutschland setzen die eher ideologisch ausgerichteten deutschen Bischöfe ihren synodalen Weg fort und gehen dabei sogar so weit, die eigenen Erklärungen des Papstes zu missachten. Die traditionalistische Welt der Priesterbruderschaft St. Pius X. hat bereits angekündigt, neue Bischöfe zu weihen – selbst ohne päpstliches Mandat.
Kurz gesagt: Die Polarisierungen innerhalb der Kirche, die sich angesichts des personalistischen und bisweilen harschen Regierungsstils von Papst Franziskus verschärft hatten, sind noch immer nicht beigelegt. Einige strittige Themen bestehen fort und werden dies auch weiterhin tun. Das eigentliche Problem liegt jedoch vermutlich woanders. Das Problem besteht darin, dass Leo XIV. andere Prioritäten setzt. Und diese liegen genau im augustinischen Charisma begründet.
Aus diesem Grund genügt es ein Jahr nach seiner Wahl nicht, lediglich Bilanz über seine 365 Tage an der Spitze der Kirche zu ziehen. Vielmehr müssen wir uns in die augustinische Seele des Papstes vertiefen. Ein Buch mit dem Titel „Free Under Grace“ (Frei unter der Gnade), das von der Libreria Editrice Vaticana herausgegeben wurde, versammelt alle Reden von Robert Francis Prevost OSA aus seinen beiden Amtszeiten als Generalprior der Augustiner. Das Buch liegt vorerst nur auf Italienisch vor; im Folgenden präsentiere ich daher meine englische Übersetzung der Texte.
Das Buch skizziert die Spiritualität Leos, verrät aber zugleich auch einiges über seine Art der Amtsführung.
Zunächst zur Spiritualität: Leo XIV. empfand die Bedeutung seiner priesterlichen Berufung zutiefst. In einer seiner Reden sprach er über die Gelübde. So ging er beispielsweise auf das Gelübde der Keuschheit ein, das – wie er ausführte – „in der heutigen Welt von großer Bedeutung ist. Es verleugnet nicht unsere Menschlichkeit; vielmehr ruft es uns dazu auf, die Tiefe und den Reichtum der menschlichen Liebe zu entdecken. Indem wir freiwillig auf die Möglichkeit verzichten, eine exklusive eheliche Beziehung einzugehen, erinnern wir uns selbst und andere daran, dass es eine Verbindung der Liebe und der Selbsthingabe gibt, die noch tiefer reicht als jene, die im innigen Band der Ehe ihren Ausdruck findet.“
In allen Texten steht der Bezug zu Gott im Mittelpunkt – der Verweis auf die Notwendigkeit, den Blick auf Gott zu richten. Doch auch der Bezug zur Kirche ist zentral; denn, so Prevost, der Augustiner sei ein zutiefst kirchlicher Mensch.
„Die Kirche“, schreibt Prevost in einem Artikel, „wird angefochten und bisweilen sogar als Stein des Anstoßes betrachtet. Authentisch Kirche zu sein und ‚mit der Kirche zu denken‘, stellt auch heute noch eine reale und notwendige Herausforderung dar.“
Doch der damalige Generalprior der Augustiner hinterfragte zugleich, was es bedeute, den Glauben weiterzugeben; er war sich dessen bewusst, dass „junge Menschen den theologischen Diskurs nicht etwa ablehnen“, sondern ihm vielmehr mit „Entfremdung, Unverständnis und Distanz“ begegnen.
Dennoch. Prevost kennt das Gewicht von Institutionen und Symbolen. „Was religiöse Kleidung oder bestimmte äußere Formen des Gebets für eine Generation darstellten“, schreibt er, „trägt für die jungen Menschen von heute nicht mehr dieselbe Bedeutung. Ohne diese Zeichen jedoch wird es schwierig sein, die Bedeutung des Heiligen in unserem Leben zu würdigen.“
Alles begann jedoch mit der persönlichen Verantwortung. „Als Ordensleute“, schrieb der Mann, der später Papst werden sollte, „sind wir dazu berufen, zu evangelisieren, indem wir von dem ausgehen, wer wir sind, und nicht von dem, was wir tun.“ Und weiter: „Gott in der Welt um uns herum zu finden, ist idealerweise eine unserer großen Herausforderungen.“ Und schließlich: „Eine Kultur in der Krise ist zwangsläufig eine suchende Kultur. Christen sind dazu berufen, Experten in der Suche nach menschlichem Sinn zu sein.“
Diese Auszüge stammen aus Reden, die unter verschiedensten Umständen, in vielen Teilen der Welt und zu unterschiedlichen Anlässen gehalten wurden. Dennoch besitzen sie eine eigene innere Kohärenz und zeichnen ein Profil des Menschen Robert Francis Prevost. Er scheut sich nicht, Zitate aus der Populärkultur zu verwenden; er erweist sich als Kenner der Theater- und Musikszene und nutzt seine Vertrautheit mit der Popkultur im Rahmen eines Inkulturationsversuchs, der dennoch stets darauf bedacht ist, den Glauben niemals zu schmälern.
Seine Entwicklung im Verlauf des dreizehnjährigen Zeitraums zwischen 2001 und 2014 ist bemerkenswert. Seine frühen Reden wirken naiver, sein Führungsstil direkter und pragmatischer; zudem neigen sie stärker der Auffassung zu, dass ein konkreter Weg vorgezeichnet werden müsse. Im Laufe der Zeit wird Prevost in der Formulierung von Konzepten weniger unverblümt und zeigt eine größere Bereitschaft, den breiteren Kontext zu berücksichtigen. Doch diese Entwicklung in der Amtsführung – die fast schon einer Milderung gleichkommt, bedingt durch die wachsende Vertrautheit mit der Rolle – geht Hand in Hand mit den Veränderungen in der ihn umgebenden Gesellschaft.
Prevost wurde kurz nach dem 11. September 2001 zum General gewählt; seine ersten Reden spiegelten eine Welt wider, die sich – allen Umständen zum Trotz – noch immer als christlich verstand. Mit der Zeit jedoch wandelte sich die Sprache hin zur Beschreibung einer Welt in der Krise – eine Entwicklung, auf die Prevost reagierte, indem er seine Suche nach Sinn vertiefte, auf die Geschichte des Augustinerordens zurückblickte, sich das Vorbild der Heiligen und Märtyrer zu eigen machte und sich intensiv mit Spiritualität auseinandersetzte.
All dies führt uns heute zu einem Papst, der die Zentralität Christi zum obersten Leitstern seiner Amtsführung erhoben hat.
Er ist ein Papst, der das Gewicht von Symbolen versteht und sie daher nutzen wird, wenn es notwendig ist. Schließlich nahm er sofort wieder das Tragen der roten Mozzetta auf – die Papst Franziskus stets abgelehnt hatte – und kehrte zurück, um still und zurückgezogen im Apostolischen Palast des Vatikans zu leben.
Er beschert uns zudem einen Papst, der ein geregeltes Leben führt, nach Ausgeglichenheit strebt und – soweit es ihm möglich ist – wie ein Ordensbruder lebt: überzeugt von seiner Berufung und bestrebt, wann immer es geht, die Heilige Messe zu feiern.
Er ist ein Papst, der das Regieren als General eines weltweit verbreiteten Ordens gelernt hat, der die Welt bereist hat und die konkreten Gegebenheiten kennt. Und er ist folglich ein Papst, der keine übereilten oder ungerechtfertigt harten Entscheidungen trifft, sondern vielmehr nach Ausgleich sucht.
Dies wird nicht zu plötzlichen, tiefgreifenden Umwälzungen führen. Es wird keine unerwarteten Ernennungen in der Kurie geben, sondern gezielte Berufungen – beginnend mit den fünf neuen Leitern von Dikasterien, die in diesem Jahr ausgewählt werden müssen (die Präfekten der Dikasterien für Laien, Familie und Leben; für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen; für den Gottesdienst; für die Förderung der Einheit der Christen sowie für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse haben das 75. Lebensjahr vollendet).
Es wird keine improvisierten Reformen geben, sondern wohlüberlegte Entscheidungen nach sorgfältiger Abwägung. Es wird eine stärkere bischöfliche Kollegialität geben, da das zugrundeliegende Modell alle in den Entscheidungsprozess einbezieht und dabei anerkennt, dass Macht vor allem eines ist: Dienst.
Und es wird immer häufiger Bezug auf die „Gottesstadt“ genommen werden – eine Art Leitmotiv dieses Pontifikats. Jene Gottesstadt, die jeden dazu aufruft, nach dem zu streben, was oben ist; denn dort ist unsere wahre Heimat. Tatsächlich scheint die „Gottesstadt“ das erste und eigentliche diplomatische Axiom Leos XIV. zu sein.
Wenn 14 Jahre augustinischer Führung den Mann verändert haben, der nun Papst geworden ist, so dürfen wir vermuten – ja sogar hoffen –, dass er noch augustinischer werden wird, während er weiterhin als Pontifex dient und mit seiner Rolle als Oberhaupt der Weltkirche zunehmend vertraut wird.
Letztlich stehen wir nicht vor einem Papst, der in einer bestimmten Haltung erstarrt ist, sondern vor einem Papst, der in seiner Amtsführung wachsen kann, während er zugleich im Glauben weiterwächst."
Quelle: A. Gagliarducci, OnePeterFive
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