Silvia Kritzenberger berichtet bei vaticannews. über den heutigen Pastoralbesuch des Hl. Vaters in der Gemeinde "Maria Regina Pacis" in Ostia. Hier geht´s zum Original: klicken
"PFARREIBESUCH IN OSTIA: DIE PREDIGT DES PAPSTES"
Liebe Brüder und Schwestern
es ist mir eine große Freude, hier zu sein und mit eurer Gemeinschaft die Bedeutung der Geste zu feiern, der der „Sonntag“ seinen Namen verdankt. Er ist „der Tag des Herrn“, weil der auferstandene Jesus in unsere Mitte kommt, uns zuhört und zu uns spricht, uns nährt und uns aussendet. So verkündet uns Jesus im Evangelium, das wir heute gehört haben, ja auch sein „neues Gesetz“: nicht nur eine Lehre, sondern die Kraft, sie auch umzusetzen. Es ist die Gnade des Heiligen Geistes, die sich unauslöschlich in unser Herz einschreibt und die Gebote des Alten Bundes zur Vollendung führt (vgl. Mt 5,17–37).
Durch die Zehn Gebote hatte Gott nach dem Auszug aus Ägypten den Bund mit seinem Volk besiegelt und ihm einen Lebensplan und einen Weg des Heils angeboten. Die „Zehn Worte“ sind also Teil eines Wegs der Befreiung, durch den eine Gruppe getrennter und unterdrückter Stämme zu einem geeinten und freien Volk wird. So erscheinen diese Gebote auf dem langen Weg durch die Wüste wie ein Licht, das den Weg weist; und ihre Einhaltung wird weniger als formale Erfüllung von Vorschriften verstanden und vollzogen, sondern vielmehr als ein Akt der Liebe: als dankbare und vertrauensvolle Antwort auf den Herrn des Bundes. Das Gesetz, das Gott seinem Volk schenkt, steht also nicht im Widerspruch zu seiner Freiheit; vielmehr ist es die Voraussetzung dafür, dass diese Freiheit aufblühen kann.
So laden uns die erste Lesung aus dem Buch Sirach (vgl. 15,16-21) und Psalm 118, mit dem wir auf die Lesung geantwortet haben, dazu ein, in den Geboten des Herrn kein unterdrückendes Gesetz zu sehen, sondern seine Pädagogik für die Menschheit, die sich nach einem Leben in Fülle und Freiheit sehnt.
„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“
In diesem Zusammenhang finden wir am Anfang der Pastoralkonstitution Gaudium et spes einen der schönsten Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, in dem man gleichsam das Herz Gottes durch das Herz der Kirche schlagen spürt. So sagt das Konzil: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände“ (Vat. Konzil II, Past. Konstitution Gaudium et spes, .
Diese Heilsverheißung kommt in der Predigt Jesu überreich zum Ausdruck, die am Ufer des Sees von Galiläa mit der Verkündigung der Seligpreisungen beginnt (vgl. Mt 5,1-12) und sich weiter entfaltet, indem sie den wahren und vollen Sinn des Gesetzes Gottes aufzeigt. Der Herr sagt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein“ (Mt 5,21-22). So verweist Jesus als Weg zur Erfüllung des Menschen auf eine Treue zu Gott, die auf Achtung und Sorge um den anderen in seiner unverletzlichen Würde gründet – eine Haltung, die noch vor Taten und Worten im Herzen heranreifen muss. Denn dort entstehen die edelsten Regungen, aber auch die schmerzhaftesten Entweihungen: Verschlossenheit, Neid, Eifersucht. Wer schlecht über seinen Bruder denkt und böse Gefühle gegen ihn hegt, der hat ihn in seinem Innersten gleichsam schon getötet. Nicht umsonst sagt der heilige Johannes schließlich auch: „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Menschenmörder“ (1 Joh 3,15).
Wie wahr sind doch diese Worte! Und wenn wir andere auch verurteilen und verachten, so sollten wir uns doch daran erinnern, dass das Böse, das wir in der Welt sehen, genau dort seine Wurzeln hat, wo das Herz kalt und hart wird, keine Barmherzigkeit mehr kennt.
Kriminelle Organisationen, die Menschen ausbeuten...
Das erlebt man auch hier in Ostia, wo leider ebenfalls Gewalt herrscht, die verletzt und um sich greift – bisweilen unter jungen Menschen und Jugendlichen, vielleicht angeheizt durch den Konsum von Drogen, oder durch kriminelle Organisationen, die Menschen ausbeuten, indem sie sie in ihre Verbrechen verwickeln, und mit illegalen und unmoralischen Methoden unlautere Interessen verfolgen.
Angesichts dieser Phänomene lade ich euch alle als Pfarrgemeinde ein – vereint mit den anderen positiven und engagierten Kräften, die in diesen Vierteln wirken –, euch auch weiter großzügig und mutig dafür einzusetzen, dass auf euren Straßen und in euren Häusern der gute Same des Evangeliums ausgesät wird. Ergebt euch nicht einer Kultur der Übergriffigkeit und der Ungerechtigkeit. Verbreitet vielmehr Respekt und Harmonie, indem ihr zunächst die Sprache entwaffnet, und dann Kräfte und Mittel in die Bildung investiert – besonders in die der Kinder und der Jugendlichen. Ja, möge man in der Pfarrei Ehrlichkeit, Offenheit und eine Liebe lernen, die Grenzen überwindet; lernen, nicht nur denen zu helfen, die es vergelten, und nicht nur die zu grüßen, die selbst grüßen, sondern auf alle zuzugehen, ohne Gegenleistung und frei; lernen, Glauben und Leben in Einklang zu bringen, wie Jesus uns lehrt, wenn er sagt „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!“ (Mt 5,23-24).
Dem Gott der Liebe begegnen
Möge dies, liebe Brüder und Schwestern, das Ziel eurer Bemühungen und eurer Aktivitäten sein – zum Wohl derer, die nah und fern sind –, damit auch diejenigen, die Sklaven des Bösen sind, durch euch dem Gott der Liebe begegnen können: dem einzigen, der das Herz befreit und wirklich glücklich macht.
Vor 110 Jahren wollte Papst Benedikt XV. diese Pfarrei nach "Santa Maria Regina Pacis" benennen. Er tat dies mitten im Ersten Weltkrieg, und er dachte dabei auch an eure Gemeinschaft als einen Lichtstrahl am bleiernen Himmel des Krieges. Leider verdunkeln auch heute noch viele Wolken die Welt, in der sich eine dem Evangelium entgegenstehende Logik verbreitet, die die Überlegenheit des Stärkeren verherrlicht, Machtmissbrauch fördert und die Verlockung des Sieges um jeden Preis nährt – taub gegenüber dem Schrei der Leidenden und Schutzlosen.
Die entwaffnende Kraft der Sanftmut...
Stellen wir dieser Abwärtsspirale die entwaffnende Kraft der Sanftmut entgegen, indem wir weiter um Frieden bitten und das Geschenk des Friedens mit Beharrlichkeit und Demut annehmen und pflegen. Der heilige Augustinus lehrte, dass „es nicht schwer ist, den Frieden zu besitzen […]. Wenn […] wir ihn wirklich haben wollen, ist er da, in unserer Reichweite, und wir können ihn ohne jede Anstrengung erlangen“ (Sermo 357, 1). Denn unser Friede ist Christus selbst – und man gewinnt ihn, wenn man sich von ihm erobern und verwandeln lässt – indem man ihm das Herz öffnet und es durch seine Gnade auch denen öffnet, die er auf unseren Weg stellt.
Tut dies auch ihr, liebe Schwestern und Brüder, Tag für Tag. Tut es gemeinsam als Gemeinschaft, mit der Hilfe Mariens, Königin des Friedens. Möge sie, Mutter Gottes und unsere Mutter, uns stets behüten und beschützen. Amen.
Quelle: S. Kritzenberger, vaticannews
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