In seiner heutigen Kolumne für Monday at the Vatican versucht sich A.Gagliarducci mit einer Interpretation des aktuellen Pontifikates. Hier geht´s zum Original: klicken
"LEO XIV: EINIGE SCHLÜSSEL ZUR INTERPRETATION"
Der Besuch von Papst Leo XIV. in der Residenz des US-Botschafters anlässlich des 250-jährigen Bestehens der Vereinigten Staaten sprach Bände.
Es war auch ein deutliches Zeichen dafür, wie viel dieses Pontifikat zu sagen hat – und es ist viel mehr, als man vielleicht denken würde.
In einem Gespräch mit italienischen Medien sagte der US-Botschafter Brian Burch, dass [...] der Papst über die Tatsache frustriert sei, daß sein Handeln oft ausschließlich politisch interpretiert wird- oder schlimmer-als im Konflikt mit der US-Regierung.
Es ist nicht so, daß es keine Meinungsverschiedenheiten gäbe, selbst der Botschafter hat die nicht geleugnet- aber nicht alles dreht sich um Trump und die Vereinigten Staaten.
Aber das sollte auch zu weiterem Nachdenken führen.
Leo XIV befaßt sich nicht mit "kleinen" Themen sondern mit großen Linien.
Papst Franziskus liebte das Detail und symbolische Standpunkte, die klar zeigten, auf welcher Seite der Papst stand.
Das demonstrierte er beispielsweise mit seinen „Wiedergutmachungs -Kardinälen“, den Kardinälen, die in jedem seiner neun Konsistorien zur Wiedergutmachung vergangener Missstände ernannt wurden; oder auch mit seinem Besuch in der russischen Botschaft zu Beginn des Krieges in der Ukraine.
Im richtigen Licht betrachtet, war sein Schreiben, mit dem er den damaligen Erzbischof Fernández zum Präfekten des ehemaligen Heiligen Offiziums ernannte, ein weiteres Beispiel: ein Akt, der völlig außerhalb des Protokolls lag, aber darauf abzielte, eine präzise Erzählung zu konstruieren.
Leo XIV. hingegen sinniert nicht über Reaktionen, geschweige denn über konkrete Reaktionen. Vielmehr ist er bestrebt, an Prinzipien festzuhalten und sie auf vielfältige Weise anzuwenden, manchmal sogar pragmatisch, ohne jedoch jemals vom Grundgedanken abzuweichen oder ihn in Einzelfragen verkommen zu lassen.
Die Geschichte von Botschafter Burch erzählt daher nicht nur ein Detail, sondern ermöglicht es uns zu verstehen, wie wir das Pontifikat Leos XIV. interpretieren können.
Wahrscheinlich sind drei Kriterien zu berücksichtigen.
Das erste Kriterium ist, dass der Papst nicht auf konkrete Fragen antwortet und dies sogar sehr sorgfältig vermeidet. Das eindrucksvollste Beispiel hierfür ist seine Ansprache „Urbi et Orbi“ zu Ostern letzten Jahres.
Solche Anlässe wurden von Päpsten stets genutzt, um die drängendsten globalen Probleme anzusprechen. Jahrzehntelang war es eine geopolitische Rede – oft als „Ansprache zur Lage der Welt“ bezeichnet –, die häufig zahlreiche Bezüge zu konkreten Kriegssituationen enthielt.
Leo XIV. hingegen pflegte einen anderen Stil.
Seine Rede vor dem Segen Urbi et Orbi enthielt keine direkten Bezüge zu Konfliktszenarien. Er richtete zwar konkrete Bitten an die Mächtigen der Welt, ging aber nicht auf die Besonderheiten einzelner Regionen ein.
Kurz gesagt, der Papst hat beschlossen, sich nicht auf Details, sondern auf Prinzipien zu konzentrieren. Daher kann jede seiner Botschaften nicht als konkrete Reaktion auf ein politisches Problem interpretiert werden, insbesondere nicht im Hinblick auf die Vereinigten Staaten, da er ein amerikanischer Papst ist.
Tatsächlich war dies nicht sein Ansatz als General der Augustiner, und als Papst kann er es erst recht nicht sein.
Botschafter Burch merkte zudem an, dass sich der Papst zutiefst amerikanisch fühle, aber bestrebt sei zu zeigen, dass er ein Papst für alle sei, nicht nur für die Vereinigten Staaten. Dies sei auch der Grund für die Entscheidung des Papstes, nicht sofort in seine Heimat zurückzukehren, sondern zunächst eine Reihe von Reisen zu unternehmen, die sein Engagement für die ganze Welt unterstreichen.
Das zweite Kriterium ist das der Normalität.
Diese Woche begann Leo XIV.s Urlaub, den er in Castel Gandolfo im Apostolischen Palast verbringt, der teils Museum, teils Residenz des Papstes ist.
Die Rückkehr in den Apostolischen Palast von Castel Gandolfo, die wohl auch das – zumindest vorübergehende – Ende der spontanen Pressekonferenzen bedeutet, stellt eine bedeutende Rückkehr zur päpstlichen Normalität dar. Dies gilt insbesondere für Leos Entscheidung, im Apostolischen Palast im Vatikan zu wohnen, anstatt in der Domus Sanctae Marthae, die Papst Franziskus bevorzugt hatte.
Leo XIV. ist ein Papst, der sich nicht scheut, auf Traditionen zurückzugreifen, wenn diese gefestigt sind. Er ist kein Papst, der an der Vergangenheit festhält, sondern einer, der die Symbole der Vergangenheit nicht verachtet, wie seine Entscheidung, die Mozzetta seit Beginn seines Pontifikats zu tragen, beweist.
Man hat den Eindruck, der Papst wolle zur Normalität zurückkehren: zur liturgischen Normalität, zur Normalität der Papstaudienzen, zur historischen Normalität. Schon die Entscheidung, mindestens einmal jährlich ein Konsistorium zur Beratung einzuberufen, ist ein deutliches Zeichen für das Streben nach Normalität und die Rückbesinnung auf die Vergangenheit.
Letztendlich wird es nicht mehr die Kurie von einst sein, sondern eine neue Kurie mit neuen Präfekten.
Leo XIV. hat kürzlich zwei Präfektinnen ernannt: Schwester Alessandra Smerilli an die Spitze des Dikasteriums für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen und Montse Alvarado an die Spitze des Dikasteriums für die Kommunikation.
Diese beiden Ernennungen liefern uns ein drittes Kriterium für die Einordnung des Papstes: Er lässt sich weder als konservativ noch als progressiv abstempeln.
Wenn dieser Papst jedoch eine Rückkehr zur Normalität anstrebt, bedeutet das nicht, dass er keine Fortschritte erzielt oder den vorgezeichneten Weg nicht weiterverfolgt. Die Ernennung zweier Frauen zu Leiterinnen von Dikasterien zeugt vom Innovationsgeist des Papstes, der sowohl an das vorangegangene Pontifikat als auch an die Tradition anknüpft.
Leo XIV. ist somit kein Papst, der sich einfach in eine Schublade stecken lässt.
In vielen Fragen vollzieht er einen heilsamen Rückzug. In anderen Bereichen setzt er ein Werk fort, das bereits unter Papst Franziskus begonnen hatte – ungeachtet aller damit verbundenen Kontroversen, angefangen bei der ungenauen Verwendung des Titels „Pro-Präfekt“.
Doch Leo zu lesen bedeutet in gewissem Sinne, alles im rechten Licht zu betrachten – und das heißt, die Perspektive zu wechseln.
Er ist ein Papst mit vielen Facetten; das bedeutet, dass er uns viel Stoff zum Nachdenken gibt und uns vor die Aufgabe stellt, manches zu begreifen."
Quelle: A. Gagliarducci, Monday at the Vatican
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