Sonntag, 9. Juli 2017

M.Tosatti über den "guten Soldaten Müller"- oder ein Vaticanist plaudert aus dem Nähkästchen

Marco Tosatti hat für "Firstthingsfirst" ein bißchen in der Geschichte gestöbert, die der "Nichtverlängerung" der 5-jährigen Amtszeit von Kardinal Gerhard L. Müller als Präfekt der Glaubenskongregation vorausgegangen ist. Lesen!
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                                        "DER GUTE SOLDAT"
Papst Franziskus hat Kardinal Gerhard Müller die Verlängerung seiner Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation an genau jenem Tag - am 2. Juli 2017 - verweigert, als sein fünfjähriges Mandat zuende ging.
Das ist eine präzedenzlose Geste in der jüngeren Kirchengeschichte, In den letzten 60 Jahren sind die Präfekten der wichtigsten Kongregation (früher hieß sie "La Suprema") aus Altersgründen oder wegen Gesundheitsproblemen zurückgetreten, oder wurden - wie im Fall von Joseph Ratzinger -berufen, Papst zu werden. Nach einigen Überlegungen werde ich die Gründe für diese seltsame Aktion untersuchen.

Obwohl absolut legitim, kann man die Aktion des Papstes als eine Zurschaustellung schlechter Manieren betrachten.
Wenn ein Kirchen-Offizieller vor dem Pensionsalter  (Müller ist erst 70 Jahre alt) zum Ende seiner Amtszeit kommt, wird das Mandat entweder erneuert oder für kurze Zeit verlängert - für 6 Monate oder 1 Jahr bevor er ersetzt wird. Die Formulierung in deisem Fall lautet: "Sie bleiben im Amt "donec aliter provideatur" -bis wir anders entscheiden.

Es scheint klar, daß diese Entlassung nicht aus irgendeinem wichtigen Grund in der Arbeit der Kongregation entstanden ist. Es ist keinerlei Erklärung dieser Art abgegeben worden.
Die Entscheidung des Papstes geschah frei und wurde auf die harte Art umgesetzt, ohne Feingefühl.
Das ist für niemanden überraschend, der weiß wie Jorge Mario Bergoglio handelte, als er Superior der Jesuiten-Provinz Argentinien war - dort wurde er wegen ungebührlich autoritären Verhaltens entlassen und als Erzbischof von Buenos Aires.

Ich vermute, daß Kardinal Müller über seine Entlassung verstimmt ist, aber seine eigene Enthauptung auch als eine Art Befreiung betrachten mag.
Um diesen Artikel zu schreiben, habe ich einen Blick in die vertraulichen Notizen geworfen, die ich während der letzten 4 Jahre zum deutschen Kardinal und seiner Beziehung zum regierenden Pontifex gemacht habe.
Diese Notizen sind das Ergebnis vieler privater Gespräche mit hochrangigen Leuten im Vatican, die mit dem Kardinal befreundet waren. Es scheint, daß Müller das Leben unter Bergoglio als eine Art Kalvarienberg erlebte. Das trotz Müllers Statements -  er war bis zum Ende und darüber hinaus ein guter Soldat.

Die erste Stufe von Müllers Kalvarienberg war eine beunruhigende Episode in der Jahresmitte von 2013.
Der Kardinal zelebrierte in der dem Palazzo der Kongregation angegliederten Kirche die Messe für eine Gruppe deutscher Studenten und Wissenschaftler.
Sein Sekretär suchte ihn am Altar auf: "Der Papst will Sie sprehen"
"Haben Sie ihm gesagt, daß ich die Messe feiere?" fragte Müller.
"Ja" sagte der Sekretär, "er will trotzdem mit Ihnen sprechen".
Der Kardinal ging in die Sakristei. Der Papst - sehr schlecht gelaunt - gab ihm einige Anweisungen und ein Dossier, das einen seiner Freunde, einen Kardinal, betraf.
( Das ist eine sehr delikate Sache. Ich habe in den offiziellen Kanälen nach einer Erklärung für diesen Zwischenfall gesucht. Bis eine Erklärung kommt - wenn jemals eine kommt - kann ich keine weiteren Details liefern.)
Offensichtlich war Müller entgeistert.

Es ist wichtig, sich zu erinnern, daß Bergoglio lange Zeit Feindseligkeit gegen Rom und besonders gegen die Glaubenskongregation hegte.
Er mochte die Kurie nicht weil - bevor er Papst wurde - Rom sich oft weigerte, die Männer zu ernennen, die er für das Bischofsamt vorgeschlug. Und weil - aus unbekannten Gründen - Rom sich weigerte, Victor Manuel Fernandez  (dessen Spitzname "Tucho" ist), den Rektor der Katholischen Universität von Buenos Aires zum Erzbischof zu ernennen.
Tucho hat mehrere Bücher geschrieben, darunter eines, das für einen Theologen sehr merkwürdig ist.
Es wurde 1995 veröffentlicht und sein Titel lautet: "Heile mich mit deinem Mund: die Kunst des Küssens."




Kurz nach der Wahl Bergoglios wurde Fernandez Erzbischof und er soll der Ghostwriter des Papstes sein. Er widersprach Müller, als der in einem Interview sagte, daß die von ihm geleitete Kongregation die Aufgabe habe, dem Pontifikat eine "theologische Struktur" zu geben.
Fernandez sagte:

 "Ich lese, daß einige sagen, daß die Römische Kurie ein essentieller Teil der Mission der Kirche ist,    oder daß ein Präfekt im Vatican  der sichere Kompass ist, um die Kirche zu hindern in    Leichtfertigkeit zu verfallen - oder daß dieser Präfekt der Hüter des Glaubens ist und dem Papst  eine  ernsthafte Theologie garantiert. Aber Katholiken, die das Evangelium lesen, wissen, daß  Christus  dem Papst und dem Bischofskollegium eine spezielle Führung und Erleuchtung gegeben  hat, nicht  einem Präfekten oder sonst irgendeiner Einheit. Wenn man solche Dinge hört, könnte man sogar  denken, daß der Papst jemand ist, der kommt, um Ärger zu machen und kontrolliert werden  muß."

Als ich meine Notizen noch einmal las, die ich in diesen vier Jahren gemacht habe, wurde offensichtlich, daß Kardinal Müller  und die, die mit ihm arbeiteten, große Frustration erlebten, weil der Papst sich nicht für ihre Arbeit interessierte. Für den Papst existiert die Glaubenskongregation schlicht einfach nicht. Er hat nicht um Zusammenarbeit gebeten, und er hat keinerlei Dialog mit ihnen versucht.

Mit Amoris Laetitia verschlechterte sich die Situation erheblich. Während der Exerzitien der Kurie 2016 beklagte Müller sich - zusammen mit anderen Kardinälen - , daß der Papst keine "kollegiale Arbeitsweise" verwendet habe.
Er sagte, daß seine Kongregation mindestens 200 Anmerkungen zu "Amoris Laetitia" erarbeitet habe, einige schwerwiegend, andere leichter.
Auf diese Anmerkungen erhielten sie überhaupt keine Antwort. Einer von Müllers Zuhörern drückte sein Erstaunen darüber aus, daß der Präfekt der Glaubenskongregation nichts darüber wußte, wie das Dokument entstanden war.
Müller antwortete scherzhaft. "Bei Themen der Doktrin sind wir die Einzigen, die nie gefragt werden. Bei liturgischen Fragen wird Kardinal Sarah sicher niemals befragt...."

Die Beziehung zwischen Müller und dem Papst war nie warm. Nach einigen Jahren des Pontifikates wurde es schlimmer. Wenn ich meine Notizen durchkämme, sehe ich, daß Franziskus 2015 mit Benedikt XVI gesprochen und nebenher gefragt hat: "Was, wenn ich den Präfekten der Glaubenskongregation austausche, bevor sein Mandat endet?" "Sie sind der Papst" antwortete Benedikt,:"Sie machen, was Sie wollen."
"Sehr gut, aber...?" insistierte Franziskus. "Das wäre eine wahre Revolution"schloß Benedikt "etwas, das machbar ist." Und die Sache ruhte bis zu diesem Monat.

Dann kamen die dubia der vier Kardinäle: Walter Brandmüller, Raymond Burke, Carlo Caffarra, und (der kürzlich verstorbene) Joachim Meisner. Ich denke, daß der Papst immer den Verdacht hegte, daß hinter dieser Operation auch Kardinal Müller stand.  Dieser Verdacht - vielleicht sogar die Hypothese, daß Müller der wahre Autor der dubia sei - mag das Siegel unter den Beschluss, ihn zu entlassen, gesetzt haben.

Seit der Veröffentlichung der dubia, war Müller in einer sehr schwierigen Situation. Er war zerrissen zwischen Loyalität zum Papst und der Loyalität zur Lehre der Kirche über Ehe und Eucharistie. Er wußte sehr wohl, daß die päpstliche Fraktion der Kirche ihn als Hauptgegner des Papstes erscheinen lassen wollte, und er versuchgte, nicht in diese Falle zu tappen.

Im vergangenen Februar wurde in Deutschland sein letztes Buch veröffentlicht "Der Papst. Mission und Mandat". Müller schreibt soweit das Lehramt betroffen ist, daß auch der Papst sich irren kann: z.B. wenn er versäumt, den Glauben zu lehren. Kein Papst kann die "Kriterien zur Zulassung zu den Sakramenten" ändern oder die "Absolution erteilen und einem Katholiken die Eucharistie erlauben, der in Todsünde lebt, nicht bereut und entschlossen ist, diese Sünde zu wiederholen."
In diesem Fall "würde der Papst selbst gegenüber der Wahrheit des Evangeliums sündigen, der Erlösung der Gläubigen, die er dazu veranlassen würde, einen Fehler zu machen."

Vor der Veröffentlichung dieses Buches, passierte etwas, was den Kardinal zutiefst verstörte, Das war die Entlassung von 3 Priestern seiner Kongregation.
Müller erhielt einen Brief aus dem Staatssekretariat, der die Entlassung der Priester anordnete, das aber nicht begründete.
Als Müller diesen Brief nicht beantwortete, kam ein zweiter Brief.
Müller bat um eine Audienz. Die Zeit verging, mit mehreren festgelegten und dann wieder in letzter Minute verschobenen Terminen. Schließlich bekam Müller seine Audienz.
"Ich habe diesen Brief bekommen" erzählte er dem Papst, "aber bevor ich danach handele, wollte ich mit Ihnen sprechen und die Gründe für die Entlassung erfahren.  Sie sind gute Priester und Mitarbeiter"
"Ich bin der Papst" antwortete Franziskus "und ich brauche meine Entscheidungen nicht zu begründen. Ich sagte, sie müssen gehen und so müssen sie gehen."
Als der Papst aufstand und ihm die Hand hinhielt als Zeichen, daß die Audienz beendet war, war Müller zutiefst erschüttert.

Dann passierte ihm mehr oder weniger das Gleiche. Der Kardinal hat seine Geschichte der deutschen Zeitung, Passauer Neue Presse, erzählt. In einem Interview sagte er, daß der Pontifex ihm seine Entscheidung, sein Mandat nicht zu erneuern, am Ende des letzten Tages seiner 5-jährigen Amtszeit als Präfekt "innerhalb einer Minute" kommuniziert habe. Wie im Fall der drei Priester wurde auch Müller kein Grund für seine Entlassung mitgeteilt.
"Diesen Stil kann ich nicht akzeptieren" erklärte Müller und fügte hinzu, daß auch in Rom"die Soziallehre der Kirche angewandt werden solle."

So ein Regierungsstil kann schwerlich als demokratisch angesehen werden, oder auf Dialog basierend oder kollegial. Müller möchte nicht Führer irgendeiner Anti-Franiskus-Bewegung sein.
Er stellt fest, daß er "dem Papst gegenübver immer loyal war" und loyal bleiben möchte- "als Katholik, als Bischof und als Kardinal- genau so wie es sein muß".
Kohärent bis zum Schluss."

Quelle: M. Tosatti, firstthings

    
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