Vaticannews veröffentlicht den Wortlaut der Predigt, die Papst Leo während der Hl. Messe am Hochfest Erscheinung des Herrn im Peters-Dom gehalten hat.Hier geht´s zum Orifinal: klicken
"WORTLAUT DER PREDIGT VON PAPST LEO XIV AM HOCHFEST ERSCHEINUNG DES HERRN "
Liebe Brüder und Schwestern,
das Evangelium (vgl. Mt 2,1-12) hat uns die große Freude der Sterndeuter beschrieben, als sie den Stern wiedersahen (vgl. V. 10), aber auch die Beunruhigung, die Herodes und ganz Jerusalem angesichts jener Suche empfanden (vgl. V. 3). Wann immer es um die Offenbarungen Gottes geht, verschweigt die Heilige Schrift solche Gegensätze nicht: Freude und Beunruhigung, Widerstand und Gehorsam, Angst und Sehnsucht. Wir feiern heute die Erscheinung des Herrn in dem Bewusstsein, dass in seiner Gegenwart nichts so bleibt wie es vorher war. Dies ist der Beginn der Hoffnung. Gott offenbart sich, und nichts kann so bleiben, wie es war. Eine bestimmte Art von Ruhe ist vorbei, jene, die die Melancholiker immer wieder sagen lässt: »Es gibt nichts Neues unter der Sonne« (Koh 1,9). Es beginnt etwas, von dem die Gegenwart und die Zukunft abhängen, wie der Prophet verkündet: »Steh auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir« (Jes 60,1).
Es ist überraschend, dass gerade Jerusalem, die Stadt, die schon so viele Neuanfänge erlebt hat, beunruhigt ist. In ihr scheinen gerade diejenigen, die sich mit der Heiligen Schrift beschäftigen und glauben, alle Antworten zu kennen, die Fähigkeit verloren zu haben, Fragen zu stellen und Sehnsüchte zu hegen. Die Stadt erschrickt vielmehr vor denen, die voller Hoffnung von weit her zu ihr kommen, und empfindet sogar das, was ihr eigentlich große Freude bereiten sollte, als Bedrohung. Diese Reaktion wirft auch für uns als Kirche Fragen auf.
„Millionen von Menschen haben die Schwelle der Kirche überschritten. Was haben sie gefunden?“
Die Heilige Pforte dieser Basilika, die heute als letzte geschlossen wurde, hat den Strom unzähliger Männer und Frauen gesehen, die als Pilger der Hoffnung auf dem Weg zu der Stadt mit den immer offenen Toren, dem neuen Jerusalem (vgl. Offb 21,25), waren. Wer waren sie und was hat sie bewegt? Die Frage nach der geistlichen Suche unserer Zeitgenossen, die viel reichhaltiger ist, als wir es vielleicht begreifen können, stellt sich uns zum Ende des Heiligen Jahres mit besonderem Ernst. Millionen von ihnen haben die Schwelle der Kirche überschritten. Was haben sie gefunden? Welche Herzen, welche Aufmerksamkeit, welche Resonanz? Ja, die Sterndeuter gibt es noch immer. Es sind Menschen, die die Herausforderung annehmen, ihre je eigene Reise zu wagen, die in einer so bewegten Welt wie der unseren, die in vielerlei Hinsicht abweisend und gefährlich ist, das Bedürfnis verspüren, sich auf den Weg zu machen, zu suchen.
Homo viator, sagten die Alten. Unser Leben ist ein Weg. Das Evangelium verpflichtet die Kirche, diese Dynamik nicht zu fürchten, sondern sie zu schätzen und auf Gott auszurichten, der sie hervorbringt. Er ist ein Gott, der uns beunruhigen kann, weil er nicht wie die Götzen aus Silber und Gold in unseren Händen ruht: Er ist vielmehr lebendig und lebensspendend, wie das Kind, das Maria in ihren Armen hielt und das die Sterndeuter anbeteten. Heilige Stätten wie die Kathedralen, Basiliken und Wallfahrtsorte, die zu Zielen von Heilig-Jahr-Wallfahrten geworden sind, müssen den Duft des Lebens verbreiten, den unauslöschlichen Eindruck, dass eine neue Welt begonnen hat.
„Gibt es Leben in unserer Kirche? Gibt es Raum für das, was entsteht?“
Fragen wir uns: Gibt es Leben in unserer Kirche? Gibt es Raum für das, was entsteht? Lieben und verkünden wir einen Gott, der Menschen wieder auf den Weg zurückbringt?
In der Erzählung fürchtet Herodes um seinen Thron und ist angesichts dessen beunruhigt, was sich seiner Kontrolle entzieht. Er versucht, die Sehnsucht der Sterndeuter auszunutzen und ihre Suche auf seinen Vorteil hinzulenken. Er ist bereit zu lügen und zu allem entschlossen; denn seine Angst macht ihn blind. Die Freude des Evangeliums hingegen befreit: Sie macht einen zwar vorsichtig, aber auch mutig, aufmerksam und kreativ; sie regt zu anderen Wegen an als jenen, die bereits beschritten worden sind.
„Werden wir nach diesem Jahr besser in der Lage sein, im Besucher einen Pilger, im Unbekannten einen Suchenden, im Fernen einen Nächsten, im Anderen einen Weggefährten zu erkennen?“
Die Sterndeuter kommen mit einer einfachen und wesentlichen Frage nach Jerusalem: „Wo ist der Neugeborene?“ (vgl. Mt 2,2). Wie wichtig ist es, dass diejenigen, die die Tür der Kirche durchschreiten, spüren, dass der Messias dort gerade geboren wurde, dass sich dort eine Gemeinschaft versammelt, in der Hoffnung entstanden ist, dass sich dort eine Geschichte des Lebens ereignet! Das Heilige Jahr hat stattgefunden, um uns daran zu erinnern, dass es möglich ist, neu anzufangen, ja, dass wir sogar noch am Anfang stehen, dass der Herr unter uns wachsen will, dass er der Gott-mit-uns sein will. Ja, Gott stellt die bestehende Ordnung in Frage: Er hat Träume, die er auch heute noch seinen Propheten eingibt; er ist entschlossen, uns von alten und neuen Formen der Knechtschaft zu befreien; er bezieht junge und alte Menschen, Arme und Reiche, Männer und Frauen, Heilige und Sünder in seine Werke der Barmherzigkeit, in die Wunder seiner Gerechtigkeit mit ein. Er macht keinen Lärm, aber sein Reich sprießt bereits überall in der Welt.
Wie viele Epiphanien sind uns geschenkt worden oder werden uns demnächst geschenkt werden! Sie müssen jedoch den Absichten des Herodes entzogen werden, den Ängsten, die jederzeit in Aggression umschlagen können. »Seit den Tagen Johannes’ des Täufers bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan und Gewalttätige reißen es an sich« (Mt 11,12). Dieser geheimnisvolle Ausdruck Jesu, der im Matthäusevangelium überliefert ist, lässt uns unweigerlich an die vielen Konflikte denken, in denen die Menschen dem Neuen, das Gott für alle bereithält, Widerstand leisten und es sogar zunichtemachen können. Den Frieden zu lieben, den Frieden zu suchen bedeutet, das zu schützen, was heilig ist und gerade deshalb im Entstehen begriffen ist: klein, zart, zerbrechlich wie ein Kind. Um uns herum versucht eine entstellte Wirtschaft, aus allem Profit zu schlagen. Wir sehen es: Der Markt macht sogar aus dem menschlichen Verlangen zu suchen, zu reisen, neu anzufangen ein Geschäft. Fragen wir uns: Hat uns das Heilige Jahr gelehrt, jener Art von Effizienz zu entfliehen, die alles auf ein Produkt und den Menschen auf einen Konsumenten reduziert? Werden wir nach diesem Jahr besser in der Lage sein, im Besucher einen Pilger, im Unbekannten einen Suchenden, im Fernen einen Nächsten, im Anderen einen Weggefährten zu erkennen?
„Ja, der Herr überrascht uns immer noch! Er lässt sich finden“
Die Art und Weise, wie Jesus allen begegnet ist und alle an sich herangelassen hat, lehrt uns, das Geheimnis der Herzen zu schätzen, die nur er zu lesen vermag. Mit ihm lernen wir, die Zeichen der Zeit zu erkennen (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 4). Niemand kann uns dies verkaufen. Das Kind, das die Sterndeuter anbeten, ist ein Gut ohne Preis und ohne Maß. Es ist die Epiphanie der Großzügigkeit. Es erwartet uns nicht an prestigeträchtigen „Locations”, sondern in bescheidenen Verhältnissen. »Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda« (Mt 2,6). Wie viele Städte, wie viele Gemeinschaften hätten es nötig, zu hören: „Du bist keineswegs die unbedeutendste”. Ja, der Herr überrascht uns immer noch! Er lässt sich finden. Seine Wege sind nicht unsere Wege, und die Gewalttätigen können sie nicht beherrschen, noch können die Mächte der Welt sie blockieren. Daher die große Freude der Sterndeuter, die den Palast und den Tempel hinter sich lassen und sich auf den Weg nach Betlehem machen: Von da an sehen sie wieder den Stern.
Aus diesem Grund, liebe Brüder und Schwestern, ist es schön, Pilger der Hoffnung zu werden. Und es ist schön, dies weiterhin gemeinsam zu sein. Die Treue Gottes wird uns weiterhin in Erstaunen versetzen. Wenn wir unsere Kirchen nicht zu Denkmälern degradieren, wenn unsere Gemeinschaften Heimat sind, wenn wir gemeinsam den Verlockungen der Mächtigen widerstehen, dann werden wir die Generation der Morgenröte sein. Maria wird uns als Morgenstern stets vorangehen! In ihrem Sohn werden wir ein wunderbares Menschsein betrachten und ihm dienen, das nicht durch Allmachtswahn, sondern durch Gott, der aus Liebe Mensch wurde, verwandelt worden ist."
Quelle: vaticannews
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