vaticannews berichtet über den unerwarteten Fund bisher unbekannter Predigttexte des Hl. Augustinus in Polen. Hier geht´s zum Original: klicken
WENN AUF EINMAL UNBEKANNTE PREDIGTEN DES HL AUGUSTINUS AUFTAUCHEN
Diese Nachricht dürfte auch Papst Leo XIV. interessieren: Ein deutscher Forscher hat offenbar zwei bisher unbekannte Predigttexte des hl. Augustinus gefunden
Leo gehört dem Augustinerorden an und hat im April dieses Jahres als erster Papst das algerische Annaba besucht. Es war in der Antike unter dem Namen Hippo die Bischofsstadt des hl. Kirchenlehrers Augustinus (354-430).
Eine Übersetzungs-Anfrage machte den Würzburger Latinisten Christian Tornau vor zwei Jahren auf Texte in einem mittelalterlichen Manuskript in der Diözesanbibliothek von Pelplin in Polen aufmerksam. Der Inhalt: sechs Predigten des Kirchenlehrers Augustinus von Hippo, davon zwei bisher noch unbekannt. Nach anfänglicher Skepsis ist Tornau nun von der Authentizität der zwei neuentdeckten Texte überzeugt. Auch der Augustinus-Forscher Giuseppe Caruso, der am römischen Patristischen Institut lehrt, hält die Zuschreibung der Predigten an Augustinus für korrekt.
Wir sprachen mit Silvia Guidi von der Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ über den Fund
„Wenn etwas nicht ganz stimmt, ist das eigentlich ein Hinweis auf etwas sehr Interessantes“
Interview
„Ich bin im übertragenen Sinn nach Polen gereist – virtuell. Dank der Arbeit von Professor Christian Tornau, der auch sehr freundlich und schnell auf unsere Fragen geantwortet hat, um diese Entdeckung zu verstehen: Worauf sie basiert, wie es dazu kam, woher sie stammt. Und es ist eine Entdeckung, die wirklich sehr, sehr wichtig zu sein scheint, auch wenn sie noch von Experten untersucht wird.“
Erzählen Sie uns doch bitte darüber für alle, die den Artikel über diese Entdeckung und diese Geschichte noch nicht gelesen haben – wie kam es zu der Entdeckung?
„Professor Tornau ist zufällig auf ein Manuskript aus dem 13. Jahrhundert gestoßen, weil ein Kollege ihn gebeten hatte, es zu analysieren und die Zuschreibungen der verschiedenen Texte zu klären. Es gab darin Predigten von Augustinus, andere von Pseudo-Augustinus, das heißt, sie wurden ihm von mittelalterlichen Exegeten zugeschrieben, stammten aber nicht vom Bischof von Hippo selbst. Es gab in dem Konvolut jedoch auch zwei seltsame Predigten, bei denen man nicht so recht verstehen konnte, worum es sich in diesen Fällen handelte. Wenn etwas nicht ganz stimmt, ist das eigentlich ein Hinweis auf etwas sehr Interessantes. Tornau bat also Kollegen um Hilfe, darunter Doktoranden, Postdoktoranden und verschiedene Wissenschaftler, und während einer ‚Summer School‘ wurden diese beiden Texte einer philologischen Analyse unterzogen und gründlich unter die Lupe genommen. Diese Entdeckung ist also das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit: zwei Jahren der Überprüfung und der Debatten unter Experten.“
Was sagt Tornau selbst über seinen Fund?
„Er gibt ganz offen zu , dass er anfangs von Aufregung gepackt war und dachte: ‚Mensch, vielleicht ist das wirklich ein Augustinus, den noch niemand gelesen oder gefunden hat‘. Doch nach dieser anfänglichen Begeisterung kamen die Zweifel: ‚Ist es möglich, dass diese Texte wirklich von Augustinus stammen? Wie geht man vor, um da sicher zu sein? Anhand welcher Kriterien lässt sich diese Zuschreibung überprüfen? Und dann führt er aus, dass die Untersuchung im Laufe dieser zwei Jahre dazu geführt hat, sozusagen fast alle Einwände auszuräumen, und dass die Zuschreibung aus einer ganzen Reihe komplexer philologischer, aber auch intuitiver Gründe sehr, sehr wahrscheinlich ist.“
„Es ist gar nicht so schwer, neue Texte von Augustinus zu finden“
Können Sie dafür Beispiele nennen?
„Da ist zum Beispiel die für Augustinus typische Ironie – seine Art, ein Thema nicht direkt anzugehen, sondern sich ihm fast wie in konzentrischen Kreisen anzunähern. Dann seine Offenheit für die unterschiedlichsten, sogar widersprüchlichsten Interpretationen, die jedoch Anstöße von großem Interesse bieten können. Es gibt also viele Hinweise, und viele Hinweise zusammen bilden einen Beweis. Die Predigten stammen sehr wahrscheinlich von Augustinus, auch wenn die Wissenschaftler noch daran arbeiten.“
Und wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?
„Nun, Professor Tornau und seine Kollegen haben diese Nachricht nach fast zwei Jahren Arbeit sehr zurückhaltend veröffentlicht; online ist diese Nachricht also erschienen, aber sehr, sehr zurückhaltend, auch weil der Professor etwas Interessantes zu bedenken gibt: dass es nämlich gar nicht so schwer ist, neue Texte von Augustinus zu finden. Denn der Bischof von Hippo hat ein unermessliches literarisches Werk an Exegese und Apologetik hinterlassen; er verfasste sogar Lieder, weil er seine Botschaft unbedingt verbreiten wollte. Also Predigten, Exegesen, ein unermessliches Textgeflecht – und das führt dazu, dass immer wieder unveröffentlichte Texte auftauchen. Das ist gar nicht so schwer. Das ist zum Beispiel 1990 passiert, als in Mainz 30 Predigten entdeckt wurden – 30 unveröffentlichte Predigten im Jahr 1990, also sozusagen vorgestern.“
„Der Mensch ist heute derselbe wie vor 16 Jahrhunderten“
Aus philologischer Sicht ist es also gar nicht so schwer, neue Texte von Augustinus zu finden. Warum sollte denn dann die Entdeckung von zwei bisher unveröffentlichten Predigten eines Denkers, der vor 16 Jahrhunderten lebte, Deiner Meinung nach die Leser und Zuhörer von heute interessieren?
„Darauf antworte ich mit einem Satz des Augustinus-Experten Pater Giuseppe Caruso: Dass nämlich die Arbeit über die Kirchenväter wie das Vordringen in ein Bergwerk sei, ein Bergwerk voller wertvoller Mineralien, die für unsere Gegenwart von großem Wert sind und uns Argumente für heute liefern. Sie bieten uns heute noch Anstöße, die Heilige Schrift neu zu lesen und unsere Erfahrung als Menschen zu verstehen. Denn der Mensch ist heute derselbe wie vor 16 Jahrhunderten. Auch heute, zwanzig Jahrhunderte später, spricht das Herz des Menschen noch immer dieselbe Sprache.“
Wann werden wir die neuentdeckten Texte lesen können?
„Ende 2026 wird es voraussichtlich die kritische Ausgabe dieser beiden bisher unveröffentlichten Predigten geben, und dann können wir auch fundierter darüber diskutieren, da wir den Text dann zur Verfügung haben und ihn sowohl auf wissenschaftlicher Ebene als auch aus der Sicht von Laien erörtern können.“
„Es ist klar, dass diese Episode sehr umstritten ist“
Wir wissen aber immerhin schon, worum es inhaltlich geht, nämlich um die Episode der sogenannten Hexe von Endor (1 Sam 28). Eine sehr schwer zu verstehende Erzählung aus dem Alten Testament.
„Dieses Detail ist wichtig, weil es vermutlich erklärt, warum diese Predigten so lange unveröffentlicht geblieben sind. Das Thema ist umstritten, es ist heikel. Da geht es um den biblischen König Saul, am Vorabend des Krieges gegen die Philister. Er ist verzweifelt, weil er keine Antwort Gottes auf seine Fragen hört, sich allein und verlassen fühlt und sich deshalb der Nekromantie, der schwarzen Magie, zuwendet. Er bittet also die Hexe von Endor, eine Nekromantin, um Hilfe und stellt ihr eine wirklich beunruhigende Bitte: Sie solle die Seele des Propheten Samuel vor ihn zurückbringen, damit er ihm direkt Fragen stellen könne. Dieser satanische Ritus der schwarzen Magie wird dann auch vollzogen: Tatsächlich erscheint jemand, der sich als Samuel bezeichnet, aber wir wissen nicht, ob es sich wirklich um die Seele des Propheten handelt oder um eine beschworene, sagen wir dämonische Präsenz. Und Samuel, diese seltsame, sagen wir mal, Präsenz, die sich als Samuel bezeichnet, sagt zu Saul: ‚Du wirst in der Schlacht umkommen, und das wird wahrhaftig das Ende deines irdischen Lebens sein‘. Es ist klar, dass diese Episode ein sehr umstrittener Abschnitt ist, denn es ist seltsam, dass Gott zulässt, dass sich die Seele eines Propheten in einem Ritual der schwarzen Magie von einem biblischen König beschwören lässt, der immerhin die hohe Aufgabe hat, das Volk Gottes zu führen. Kurz gesagt, es ist eine umstrittene Stelle, die mittelalterliche Exegeten vielleicht lieber übergingen, um stattdessen andere Stellen zu zitieren, die als ‚normaler‘ galten.“
Wurden deshalb auch die Augustinus-Predigten zu diesem Thema beiseitegelegt?
„Das glaubt Pater Caruso: Vielleicht wurden die Predigten deshalb kaum kopiert und kaum verbreitet, weil die Exegeten angesichts dieser seltsamen Texte ein wenig in Verlegenheit waren. Bei diesen beiden Predigten verfolgt Augustinus nun eine – sagen wir – sehr aufgeschlossene Herangehensweise: Er zählt die verschiedenen Möglichkeiten auf, kritisiert keine davon und überlässt es dem Leser, sich eine eigene Meinung darüber zu bilden, was geschehen sein könnte und welche Bedeutung diese Episode hat. Bemerkenswerterweise ist es Augustinus’ Stil, so – wie wir heute sagen würden – inklusiv zu sein: Er lässt Raum für alle möglichen Varianten und unterschiedliche Interpretationen und sucht dabei den Nutzen und den Wert jeder einzelnen, ohne das, was er für falsch hält, unbedingt sofort zu widerlegen.“
„Seine Prosa ist oft sehr lebhaft und ironisch, ja, wie wir heute sagen würden, fast schon radiomäßig“
Sie haben mit Tornau und Caruso über den hl. Augustinus gesprochen – gibt es im Werk dieses Kirchenvaters etwas, das Du dadurch neu entdeckt hast?
„Sagen wir mal: Die Tatsache, dass seine Prosa oft sehr lebhaft und ironisch ist, ja, wie wir heute sagen würden, fast schon radiomäßig: in dem Sinne, dass Augustinus eine große Vorliebe für das Wort hatte – er wusste, wie er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer fesseln konnte, wie er sie langsam in komplexe Themen hineinführen konnte – nicht auf direkte Weise, sondern in konzentrischen Kreisen, wie eine schrittweise Vertiefung, bei der der Zuhörer zunächst nur beiläufig zuhört, dann aber in eine komplexe Argumentation hineingezogen wird. Und das alles mit einem enormen rhetorischen Geschick, denn objektiv gesehen greift Augustinus in solchen Fällen auf seine Kompetenz und sein Können als römischer Rhetoriker zurück, das ihm zu seiner Zeit eine erste Karriere ermöglicht hatte. Er ist also jemand, der mit Worten umgehen kann. Dadurch vermag er auch uns Menschen des 21. Jahrhunderts anzusprechen.“
Was würde denn Augustinus Ihrer Meinung nach heute sagen, hier in der digitalen Gesellschaft, in der wir leben?
„Ich glaube, er würde dazu aufrufen, sich den Luxus der Stille zu gönnen, denn wir alle befinden uns in einem unaufhörlichen Strudel aus Lärm. Und das ist mittlerweile der wahre Luxus: ein Raum der Stille. Eine Stunde am Tag, eine halbe Stunde am Tag, in der man einfach nur auf die Stimme des eigenen Herzens hört. Es klingt banal, aber letztendlich tun wir es eben nicht; letztendlich reißt uns der Strudel der Dinge mit, und wir gönnen uns nie eine Atempause. Wir hören nie auf unser Herz, das doch das Kostbarste ist, was wir haben.“
Quelle: vaticannews
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