Donnerstag, 27. August 2026

Der Zölibat und die DBK - noch ein ein Fundstück

Alexander Heiden hat bei Tichys Einblick einen lesenswerten Kommentar über die aktuelle, ewig gleiche Diskussion in der deutschen Katholischen Kirche über den Zölibat veröffentlicht. 
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LÜGENPFARRER

"STIRBT DER ZÖLIBAT STIRBT DIE KIRCHE"

Ein Pfarrer führt jahrelang eine heimliche Beziehung – und wird nach seinem Rücktritt als Held gefeiert. Prompt werden Rufe laut, den Zölibat endlich abzuschaffen. Wer das tut, hat von der Katholischen Kirche nichts verstanden.

Wenn in einer Kirche geklatscht wird, dann ist etwas Ungewöhnliches passiert. Stehende Ovationen bekam jüngst Pfarrer Andreas Unfried aus der Pfarrei St. Ursula in Oberursel und Steinbach. Aber nicht für eine Predigt.

Nein, der katholische Geistliche aus Hessen hatte soeben bekanntgegeben, fast 40 Jahre lang ein Lügner gewesen zu sein. Er hat seinen Arbeitgeber belogen, seine Kirche – und seine Gemeinde. Die hat ihm dafür applaudiert.

Damit ist viel gesagt über den katholischen Glauben in Deutschland.

Heldenverehrung für ein Doppelleben

Unfried hat 37 Jahre als Priester gearbeitet. Jetzt schreibt er selbst, dass er seit „vielen Jahren“ schon heimlich mit einer Frau in einer Liebesbeziehung lebt. Nun, mit 63 Jahren, will er heiraten. Deshalb gibt er seine Pfarrei in Oberursel auf. Entsprechend dem Kirchenrecht wird er vom priesterlichen Dienst suspendiert.

Aus der Welt des deutschen Katholizismus hagelt es Glückwünsche und Ergebenheitsadressen für den Herrn Pfarrer. „Ich freue mich für ihn“, heißt es aus seiner Pfarrei. Ein katholischer Amtsbruder äußert „Achtung vor seiner Entscheidung“. Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ lobt seinen „Mut zur Ehrlichkeit“. Selbst das Bistum Limburg äußert nichts als „Respekt“ für seinen Schritt, dankt ihm für sein jahrzehntelanges Wirken und wünscht ansonsten alles Gute.

Auf der Internetseite „katholisch.de“ wird Unfried als guter Seelsorger proträtiert, den eine uneinsichtige Kirche verliert, weil sie am Zölibat festhält: also an der kirchenrechtlichen Verpflichtung katholischer Priester zu dauerhafter Ehelosigkeit und sexueller Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen. Der Zölibat soll ja die ungeteilte Hingabe an Christus, die Kirche und den priesterlichen Dienst stützen.

Auf Unfrieds Lebenslüge und seinen Verrat am Priestertum reagiert der deutsche Katholizismus mit Applaus, Verständnis und moralischem Konfetti. Der Priester erscheint als Opfer, die Institution als Täter. Die heimliche Partnerin wird zur „zweiten Berufung“, der späte Amtsverzicht zum Heldenstück.

Was fehlt in der Erzählung: Treue, Pflicht und Verantwortung.

Pflichtvergessenheit als Vorbild

Herr Unfried wusste, worauf er sich einließ, als er den langen und beschwerlichen Weg ins Priesteramt antrat. Er kannte den Zölibat, er nahm die Weihe an und vertrat eine kleine Ewigkeit lang genau jene Kirche, deren Ordnung er in derselben kleinen Ewigkeit andauernd im Verborgenen missachtete. Sein Bischof wusste nichts von der Beziehung. Die Gemeinde erfuhr erst am Ende davon.

Das ist keine romantische Befreiungsgeschichte. Es ist eine jahrzehntelange Täuschung. Ein aufrichtiger Mann, der sein Versprechen gegenüber der Kirche nicht mehr halten will, legt sein Amt rechtzeitig und offen nieder. Er führt nicht zwei parallele Leben, bis der Ruhestand naht und die Partnerin nicht noch länger warten will.

Nun heißt es, Unfried habe sich „für die Liebe“ entschieden. Das ist, mit Verlaub, billig. Der Zölibat ist selbst ein Liebesversprechen: die ungeteilte Bindung an Christus und der Dienst an allen Gläubigen. Unfried hat sich nicht für die Liebe und gegen Lieblosigkeit entschieden, sondern für eine Lüge und gegen ein öffentlich gegebenes Versprechen.

Aus diesem Wortbruch kann man beim besten Willen keinen Anspruch sozusagen auf Heiligsprechung des Wortbrüchigen ableiten.


Zölibat und Kirche

Der Zölibat ist kein Dogma. Die katholischen Ostkirchen haben verheiratete Priester, auch die lateinische Kirche lässt Ausnahmen zu.

Das heißt aber nicht, dass der Westen die Vorschrift entsorgen sollte wie eine veraltete Reisekostenordnung. Seit der Spätantike kennt die lateinische Kirche die priesterliche Enthaltsamkeit. Sie wurde zur tragenden Säule des geistlichen Lebens.

Das hat religiöse Gründe. Der Priester soll Christus nicht nur verwalten, sondern ihn sichtbar vertreten. Jesus lebte ehelos, keusch und ganz für seine Botschaft. Der Zölibat greift dieses Vorbild auf.

Ein zweiter Grund liegt im „ungeteilten Herzen“: Ein Ehemann schuldet Frau und Kindern seine Gegenwart. Die Familie hat Vorrang. Ein Priester soll aber auch nachts zum Sterbenden gehen – und ansonsten seine ganze Kraft der Gemeinde widmen. Die Ehe ist heilig. Sie taugt nicht sozusagen als Nebentätigkeit eines Pfarrers.

Der dritte Grund ist das Zeichen. Der Zölibat weist über diese Welt hinaus. Der Mensch geht nicht in Sexualität und Partnerschaft auf. In einer Gesellschaft, die jeden Verzicht für krank und jede Begierde für Identität hält, ist dieses Zeichen nötiger denn je.

Der vierte Grund ist ein organisationssoziologischer: Ein eheloser Klerus bildet keine Priesterdynastien, vererbt keine Ämter und verwandelt Kirchengut nicht in Familienvermögen. Er bleibt unabhängiger von Verwandtschaft und lokalen Interessen. Die Verkünder der kirchlichen Wahrheit, die Priester, sollen keine andere anerkannte Loyalität haben als die zur Kirche.

Es gibt keine andere durchgehend aktive, formal organisierte Institution der Menschheitsgeschichte, die eine so lange ununterbrochene Kontinuität aufweist wie die Katholische Kirche. Die römisch-katholische Kirche (bzw. das Papsttum als ihr administratives Herz) blickt auf eine knapp 2.000 Jahre währende, lückenlose Organisationsgeschichte zurück. Sie gilt in der Soziologie und Geschichtswissenschaft als die älteste Rechts- und Governance-Struktur der Welt. Großreiche wie das Römische Reich (ca. 1.000 Jahre inklusive Republik), das Byzantinische Reich (ca. 1.100 Jahre) oder chinesische Dynastien existierten zwar auch sehr lange, zerfielen jedoch alle vollständig.

Der Zölibat ist natürlich nicht der einzige Grund für diese sensationelle Kontinuität. Er gehört aber zu den wichtigsten Strukturen, die die Kirche vor dem Zerfall in Familienbetriebe und der Zersplitterung in Nationalkirchen bewahrt haben.

Deutschlands Katholizismus schreibt seinen eigenen Nachruf

Gewohnt unterkomplex, zieht „katholisch.de“ aus dem Fall Unfried die Lehre: Der Zölibat koste gute Seelsorger.

Der „Synodale Weg“ geht da sogar noch weiter: Er bat den Vatikan schon im Jahr 2023, die Verbindung von Weihe und Ehelosigkeit neu zu prüfen, verheiratete „viri probati“ zuzulassen und später auch bereits geweihten Priestern den Ausstieg aus dem Zölibatsversprechen ohne Amtsverlust zu ermöglichen.

Das ist die deutsche Methode: Erst wird die Norm nicht mehr geglaubt. Dann wird ihr Bruch entschuldigt. Schließlich gilt der Regelbrecher als Beweis dafür, dass die Regel verschwinden muss. Womöglich, vielleicht, unter Umständen ist das aber ein klitzekleines Bisschen anmaßend. Die Katholische Kirche in Deutschland hat im Jahr 2025 mehr als 307.000 Gläubige durch Austritt verloren; bundesweit gab es nur 25 Priesterweihen. Seit Jahrzehnten wird geöffnet, modernisiert und dem Zeitgeist hinterhergehechelt.

Das Ergebnis ist eine menschenleere Kirche. 

In Glaubensfragen ist „zeitgemäß“ kein Qualitätsmerkmal. Das Evangelium braucht keinen Anschluss an die neueste gesellschaftliche Mode. Eine Kirche, die nur sagt, was der gerade herrschende Zeitgeist hören will, wird beliebig. Eine beliebige Kirche ist überflüssig.

Die Katholische Kirche überdauerte mehr als zwei Jahrtausende, weil sie sich eben nicht mit jeder Generation neu erfunden hat. Sie überlebte Kaiser, Revolutionen und Staaten, weil ihre Wahrheit nicht zur Abstimmung stand. Ihre Strenge war nie bequem. Nur deshalb besaß sie Autorität.

Wenn der Zölibat verschwindet, verschwindet nicht der Petersdom, jedenfalls noch nicht. Doch es verschwindet der Wille, eine Zumutung zu bewahren, weil sie religiös wahr ist, strukturell bewährt und größer als der Augenblick. Und niemand soll glauben, mit der Forderung nach einem Ende des Zölibats würde es aufhören. Danach wartet schon die nächste Forderung. Eine Kirche, die ihre Regeln nach jedem halbwegs prominenten Regelbruch umschreibt, bleibt vielleicht als Behörde und Sozialkonzern bestehen. Als Kirche hört sie auf zu existieren.

Wenn der Zölibat endet, endet nicht bloß eine Vorschrift. Dann endet der Anspruch, dass der Glaube den Menschen formt – und nicht umgekehrt."

Quelle: A. Heiden, Tichys Einblick

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