des Hl. Vaters in Santa Maria degli Angeli in Assisi im Wortlaut, veröffentlicht bei vaticannews
Liebe Brüder und Schwestern, liebe Jugendliche!
Das Fest der Verklärung, das wir gerade feiern, ist ein Wunder des Lichts, das uns hilft, unsere Begegnung zu vertiefen; eine Begegnung, die so voller Freude ist, aber auch reich an Fragen rund um die Gegenwart und die Zukunft. In der Erzählung des Evangeliums finden wir den Kontrast zwischen Licht und Schatten, Stille und Worten, Staunen und Unverständnis. Wir befinden uns in Assisi, einer Stadt, zu der seit Jahrhunderten viele Pilger unterwegs sind – heute auch wir –, denn hier lässt alles erahnen, dass unser Leben eine neue Gestalt annehmen, Licht ausstrahlen und die Welt heilen kann. Hier hat die Verklärung von Franziskus, von Klara und später von Tausenden anderer junger Menschen begonnen: Sie haben das Evangelium sine glossa – wir würden sagen: ohne Abstriche – angenommen, und das Leben Jesu hat in ihnen von Neuem begonnen.
Wir sind hierhergekommen, um zu verstehen, wohin die Geschichte führt und wohin wir selbst gehen. Im Evangelium sehen wir, dass man einen Sinn finden und einen Weg erkennen kann. Wie Petrus, Jakobus und Johannes werden wir ein wenig beiseite genommen, und Jesus ist bei uns. Darauf kommt es an: auf seine Gegenwart. Auf dem Berg betrachten die Apostel Jesus, der sich auf seine eigene Zukunft ausrichtet. Diesbezüglich gab es unter ihnen Missverständnisse. Sechs Tage zuvor hatte Petrus dem Meister vorgehalten, dass er offen vom Kreuz sprach (vgl. Mt 16,21–26): Er erwartete Herrlichkeit für den Messias und vielleicht auch für sich selbst, ohne Widerstände und Risiken einzukalkulieren, vor allem aber, ohne sich zu fragen, was Herrlichkeit eigentlich ist. Nun, bei der Verklärung Jesu, offenbart sich Gott selbst in seiner Herrlichkeit, die das Aussehen einer Wolke hat, die schützt und umhüllt. Er weist auf den Sohn hin und lädt ein, ihm zuzuhören. Wir entdecken den Weg des Lebens, indem wir ihm gemeinsam nachfolgen. Seine Schönheit zeigt sich in neuer Gestalt, in beispielloser Intensität, so sehr, dass Petrus die Zeit anhalten und diese Vision ausdehnen möchte. Großzügig bietet er an, drei Hütten zu bauen, gleichsam um das Gespräch zwischen Jesus, Mose und Elija weitergehen zu sehen. Stattdessen müssen wir in dieses Gespräch eintreten. Wir dürfen nicht nur Zuschauer bleiben. Wir sind nämlich dazu berufen, die Heilige Schrift zusammen mit dem Meister zu lesen, unsere Zeit zu deuten und Entscheidungen zu treffen, indem wir seinem Weg folgen. Wir sind hier, um Resignation und Angst zu überwinden, um Zweifel zu beheben, die uns ebenso beschäftigen, wie sie die Apostel beschäftigten. Jesus ruft uns dazu auf, ins Gespräch mit seiner Geschichte zu treten, um neue Seiten der Geschichte zu schreiben.
Das Licht eines neuen Tages
Wenn wir hören, »sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht« (Mt 17,2), dann denken wir an den Ostermorgen, als ein Engel des Herrn den Stein wegrollte, der das Grab verschloss, und die Botschaft von der Auferstehung verkündete. »Sein Aussehen war wie ein Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee« (Mt 28,3). Es ist das Licht eines neuen Tages, auf den wir uns ausrichten, während um uns herum und manchmal auch in uns noch Dunkelheit herrscht. Wir sehen dessen Morgendämmerung in den kanonisierten Heiligen wie dem heiligen Franziskus und der heiligen Klara sowie in einer Unzahl von Brüdern und Schwestern, die dem Bösen mit dem Guten antworten. Wir sind nicht allein! In diesen Tagen habt ihr dies erfahren: Ihr seid einander begegnet und habt einander zugehört, wobei ihr vom Gewirr sich überlagernder und widersprechender Stimmen zur Kunst des Gesprächs übergegangen seid. Heute betrachten wir Jesus, der gerade während des Gesprächs mit dem Vater, mit denen, die ihm vorausgegangen sind – Mose und Elija – und mit seinen Zeitgenossen, den Jüngern, verklärt wird.
Die Kirche ist dazu da, uns in diese Dynamik des Zuhörens und Entscheidens zu führen, in der wir verstehen, für wen wir leben und wie wir leben sollen. Sie ist die Gemeinschaft, in der wir lernen, die Stimme Gottes zu erkennen, die niemals einfach mit unseren eigenen Ansichten übereinstimmt, sowie jenen Gehorsam gegenüber dem Heiligen Geist zu wagen, der all diejenigen mutig und kreativ werden ließ, die sich bereit erklärt haben, Jesus nachzufolgen: Wir entstellen uns selbst, wenn wir uns von ihm und von den anderen trennen; in den Bindungen, die uns nähren und zum Leben rufen, werden wir hingegen verklärt. Die franziskanische Spiritualität, in der ihr unterwiesen worden seid, gehört zu denjenigen, die am meisten darauf achten, die grundlegenden Beziehungen zu Gott und zu all seinen Geschöpfen wiederherzustellen: eine Harmonie, die es heute mehr denn je zu bewahren und zu pflegen gilt.
In diesem Sinne habe ich zu Beginn meiner ersten Enzyklika darauf hingewiesen: »Jede Generation erbt die Aufgabe, die eigene Zeit zu gestalten, damit die Geschichte zu einem Ort reifen kann, an dem die Würde jedes Menschen gewahrt, Gerechtigkeit gefördert und Geschwisterlichkeit ermöglicht wird. Doch jeder Epoche droht die Gefahr, dass die Welt unmenschlich und ungerechter wird. Wo die Menschheit riskiert, ihr wahres Gesicht zu verlieren, da erheben wir Christen unseren Blick zu dem Gott, der Mensch geworden ist, in dem Wissen, dass sich „nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft“ aufklärt. Diese großartige Menschheit wird in Jesus Christus zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben und eröffnet jedem von uns den Weg zur Erfüllung« (Magnifica humanitas, 1).
Großartige Menschlichkeit
Liebe Freunde, der Grund, warum uns der heilige Franziskus auch achthundert Jahre nach seinem Tod weiterhin fasziniert, liegt in jener großartigen Menschlichkeit, die ihn dazu veranlasste, die bereits eingeschlagenen Wege zu verlassen, um einen neuen Pfad einschlagen zu können, der mit dem Weg Jesu besser übereinstimmte. Auch in einer Stadt wie Assisi, die bereits seit Jahrhunderten christlich war, erschien dies revolutionär. »Die Entscheidung von Klara war dagegen noch beeindruckender: Eine junge Frau, die wie Franziskus sein wollte, die als Frau so frei leben wollte wie diese Brüder!« (Audienz zum Jahrestag, 4. Oktober 2025). Das ist die Kraft des Christentums, jene seines Beginns und seiner zahlreichen Neuanfänge.
Nun, liebe Jugendliche: Heute suchen Europa und die ganze Welt in euch neue Heilige. Wagt es, an das Wort des Evangeliums zu glauben, werdet mit der Freiheit Jesu Christi menschlich, nehmt die Armut als Schwester an! Der Titel eures Treffens – Go! – ist ein Auftrag, eine Aussendung auf Wege, für die wir keine Landkarten haben. Denn sie eröffnen sich, wenn wir auf unser Herz hören, wenn wir dem Heiligen Geist gehorchen und wenn wir dem Auferstandenen folgen, wohin er uns vorausgehen wollte. Go! Geht! Besser noch: Lasst uns gehen! Let’s go! An die Ränder, wo die Ungerechtigkeit und Überheblichkeit einiger weniger die Würde und Träume vieler, von allzu vielen Söhnen und Töchtern Gottes, verweigern. Papst Franziskus hat sich vom „Poverello“ von Assisi inspirieren lassen und uns vor der »Versuchung [gewarnt], Christen zu sein, die einen sicheren Abstand zu den Wundmalen des Herrn halten. Jesus aber will, dass wir mit dem menschlichen Elend in Berührung kommen, dass wir mit dem leidenden Leib der anderen in Berührung kommen. Er hofft, dass wir darauf verzichten, unsere persönlichen oder gemeinschaftlichen Zuflüchte zu suchen, die uns erlauben, gegenüber dem Kern des menschlichen Leids auf Distanz zu bleiben« (Franziskus, Evangelii gaudium, 270).
Vielleicht werden wir nicht verstanden, nicht einmal von unserer Familie, so wie es dem heiligen Franziskus erging. Sich der Kultur der Macht zu entziehen und die Mauern einzureißen, die Menschen voneinander trennen, bedeutet jedoch niemals, die eigene Familie, Stadt oder Tradition zu verraten, sondern sie von ihren Einbildungen zu befreien; von Feinden, die aus Angst und Unwissenheit erfunden worden sind, von Gewalt, mit der man seine eigene kleine Ordnung einer Wirklichkeit aufzwingen möchte, die uns von allen Seiten übersteigt. Auf Gott zu vertrauen bedeutet, wie Franziskus und Klara eine Welt voller Brüder und Schwestern wiederzuentdecken, die es zu wertzuschätzen und denen es zu dienen gilt; nicht aber auszubeuten und zu beherrschen. Es ist keine Welt, die zu verteidigen, sondern eine, die zu umarmen ist.
Liebe Jugendliche, verschreibt euch der Zivilisation der Liebe, deren Triebe ihr in so vielen Beispielen der Selbstlosigkeit begegnet seid und die unzählige Friedensstifter – nach dem Bild Christi – verklärt, die sich auch heute inmitten der tragischsten Szenarien des Todes für das Leben einsetzen. Bündelt die besten Kräfte eurer großartigen Menschheit – Studium, Fachkenntnisse, Arbeit, Freundschaften, Liebe, Gebet – und lebt die Vision des Franziskus heute auf unterschiedliche Weisen weiter. Ich denke, dass euch das Gebet, das ihm oft zugeschrieben wird, am Herzen liegt, ein Text aus dem vergangenen Jahrhundert:
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens
dass ich liebe, wo man hasst;dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Dies ist „wohin“ wir gehen sollen! Gehen! Vor allem aber, „wie“ wir unterwegs sein sollen:
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
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