In seiner heutigen Kolumne für Monday at the Vatican befaßt sich A. Gagliarducci mit den anstehenden Umstrukturierungen und Reformen der Kurie und möglichen oder empfundenen Verzögerungen dieser Reformen. Hier geht´s zum Original: klicken
"LEO XIV: DAS RISIKO DER BÜROKRATISIERUNG DER KIRCHE."
"Der Plan Leos XIV, die Harmonie innerhalb der Kirche wiederherzustellen, war von Anfang an klar. Sein bischöfliches Motto -In Illo Uno Unum - besagt das. Sein bisheriges Handeln, mit dem er immer versucht hat. nicht zu spalten, sondern eher Spannungen zu absorbieren, spricht ebenfalls Bände.
Nach 16 Monaten jedoch warten wir immer noch auf viele notwendige Dimge.
Wir erwarten das erste Konsistorium Leos XIV. Wir erwarten eine Reihe von Ernennungen, die mindestens fünf Spitzenpositionen in der Kurie betreffen werden. Wir erwarten Leos „Korrekturen“ einiger Reformen von Papst Franziskus.
Doch Leo XIV. scheint sich nicht um die Erwartungen zu scheren.
Wir wissen bereits, dass Menschen auf allen Seiten der verschiedenen Gräben innerhalb der Kirche enttäuscht sein werden.
Die traditionalistische Welt erwartete eine plötzliche und klare Aufhebung der Ausgrenzung während des Pontifikats von Franziskus und ist ungeduldig geworden (wahrscheinlich in Erwartung einer Maßnahme, die nie erfolgen wird). Die progressive Welt, quasi das fotografische Negativ der traditionalistischen Welt, hat intellektuelle Verrenkungen vollzogen, um alles, was Leo getan hat, in Kontinuität mit seinem unmittelbaren Vorgänger zu interpretieren, und diese Verrenkungen werden die Enttäuschung nur eine gewisse Zeit hinauszögern können.
Leos XIV. Vision für die Kirche trat am 10. September noch deutlicher hervor, als er mit einer Gruppe neu ernannter Bischöfe zusammentraf, die für den alljährlichen, in Rom stattfindenden Einführungskurs für neue Bischöfe angereist waren.
Der Papst forderte sie auf, väterlich zu handeln – so wie er es bereits am 4. September bei einer Audienz mit den Bischöfen der Lateinischen Bischofskonferenz der arabischen Regionen getan hatte. Diese Väterlichkeit speist sich aus der Jüngerschaft und steht ganz im Einklang mit dem augustinischen Charisma sowie seinem eigenen persönlichen missionarischen Charisma. Leo XIV. betonte, er wünsche sich eine Kirche mit Hierarchie, die jedoch eine starke Gemeinschaft und ausgeprägte Kollegialität wahrt. Gemeinschaft bedeutet einen „entwaffneten und entwaffnenden Frieden“ – so die berühmte Formulierung, die der Papst bei seinem ersten öffentlichen Auftreten nach der Wahl gebraucht hatte –, während Kollegialität die Teilhabe aller an der Leitung oder zumindest an den Beratungen impliziert.
Auch aus diesem Grund hat Leo XIV. den synodalen Prozess nicht abgebrochen, sondern dazu aufgerufen, in der Frage der Synodalität voranzuschreiten. Die Arbeitsgruppen, die sich nach der Synode von 2023 gebildet hatten, tagten weiterhin, veröffentlichten Dokumente und unterbreiteten Vorschläge. Doch genau in diesem Prozess liegt eines der großen Risiken dieses Pontifikats.
Das Risiko dieses Vorgehens besteht darin, dass die bereits laufenden Prozesse – aus dem Wunsch heraus, sie nicht zu beenden – zu rein bürokratischen Vorgängen werden. Kurz gesagt: Es besteht die Gefahr einer Bürokratisierung der Kirche. Die Berichte der Gruppen 6 und 7 des synodalen Weges sind hierfür ein anschauliches Beispiel.
Gruppe 6 untersucht die Beziehungen zwischen den Bischöfen, dem geweihten Leben und kirchlichen Gemeinschaften. Gruppe 7 erörtert Wesen und Ablauf der „Ad-limina-Apostolorum“-Besuche – also jener regelmäßigen Besuche, die die Bischöfe der einzelnen Länder in Rom absolvieren müssen.
Bei den Berichten handelt es sich um Vorschläge an den Heiligen Vater, über die dieser frei entscheiden kann. Kurz gesagt: Es sind keine Beschlüsse; selbst wenn der Papst eine Entscheidung träfe, müssten diese Vorgaben unter Einbeziehung der zuständigen Stellen erst noch in konkrete Richtlinien umgesetzt werden.
Warum besteht die Gefahr, dass der Prozess bürokratisch wird?
Ganz zu schweigen von der Sprache.
Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Diözesen und Ordensgemeinschaften spricht der Bericht von einer „Umkehr der Beziehungen“ und fordert eine Überwindung „rein hierarchischer“ Verhältnisse. Zudem verlangt das Dokument mehr Klarheit über die theologischen und rechtlichen Kriterien für die Anerkennung neuer Ordensgemeinschaften und neuer Formen des geweihten Lebens.
Es werden sogar verbindliche Vereinbarungen oder Absichtserklärungen zwischen Diözesen und Ordensgemeinschaften vorgeschlagen, in denen die eingegangenen Verpflichtungen, die finanziellen Aspekte, die Verwaltung der Einrichtungen sowie die gegenseitigen Verantwortlichkeiten klar geregelt sind.
Diese Vorschläge entspringen konkreten Problemen: übermäßigem Autoritarismus oder Zentralismus sowie einem mangelnden Verständnis für die Gestaltung der Beziehungen zwischen Diözesen und Ordensgemeinschaften. Doch das Problem liegt nicht im Modell an sich. Vielmehr liegt es bei den Menschen und der Art und Weise, wie sie Autorität ausüben.
Diese Vorschläge entspringen konkreten Problemen: einem Übermaß an Autoritarismus oder Zentralisierung sowie einem mangelnden Verständnis dafür, wie Diözesen und religiöse Institutionen ihre Beziehungen gestalten. Doch das Problem liegt nicht in der Struktur an sich. Vielmehr liegt es bei den Menschen und der Art und Weise, wie sie Autorität ausüben.
Leo XIV. ist sich dessen bewusst, und wahrscheinlich beharrt er deshalb so sehr auf dem Aspekt der Väterlichkeit. Gleichzeitig ließ er jedoch die synodale Debatte – mit ihrem langsamen und schwerfälligen Verfahren, kurz: ihrer Bürokratie – endlos weiterlaufen, ohne auch nur die praktischen Fragen zu klären: nämlich, dass die Synode kein beschlussfassendes Gremium sein kann und dass sie kein kleines Parlament darstellt.
Es gibt vorbildliche Beispiele.
In Norwegen berief Bischof Fredrik Hansen von Oslo die erste Diözesansynode der Geschichte ein und erklärte dabei offen, dass es sich nicht um eine Synode zur Änderung der kirchlichen Lehre handele, da sie kein Parlament sei. Er verwies sogar auf die Synoden des heiligen Karl Borromäus – des Kardinalerzbischofs von Mailand zur Zeit der Gegenreformation – als Vorbild.
In den Niederlanden übte Weihbischof Rob Mutsaerts scharfe Kritik an der Synode und forderte, pastorale Erfahrungen anhand konkreter Indikatoren zu bewerten, etwa im Hinblick auf Berufungen, den Besuch der Heiligen Messe und die Verbreitung der Beichtpraxis.
Doch die Entscheidung von Leo XIV., die Debatte ohne ein klares Wort zur Lage laufen zu lassen, birgt die Gefahr, nicht nur Verwirrung zu stiften, sondern auch den Boden für eine weitere Bürokratisierung der Kurie zu bereiten.
Es mag wie ein vages Thema erscheinen, ist es aber nicht.
Papst Franziskus läutete die Ära der Kommissionen ein – für Kommunikationsreformen, Wirtschaftsreformen und Kurienreformen. Dies sorgte zwar für einen Effizienzschub, schuf aber zugleich eine Bürokratie, die alles andere als effizient war. Ein konkretes Beispiel hierfür ist die Reform der vatikanischen Wirtschaft: Innerhalb weniger Monate wurden der Verwaltung des Apostolischen Stuhls Kompetenzen entzogen und anschließend wieder übertragen. Auch die Reform des Staates der Vatikanstadt ist ein solcher Fall; innerhalb kürzester Zeit wurden drei Entwürfe für das Grundgesetz des Vatikans vorgelegt.
Was hat Leo XIV vor?
Einerseits bedarf der Heilige Stuhl einer besseren Organisation. Andererseits braucht er fähige Persönlichkeiten mit gesundem Menschenverstand, denen sein Wohl am Herzen liegt und die in der Lage sind, eine komplexe Struktur professionell und logisch zu führen.
Zudem besteht Bedarf an Führungskräften.
Vorerst hat Leo XIV. mit Montse Alvarado eine Managerin ausgewählt, um das Dikasterium für die Kommunikation zu leiten und im Vorstand der „Bruder-Sonne-Stiftung“ (Brother Sun Foundation) zu sitzen. Doch seine Generäle, Bischöfe und Kardinäle, die ihn bei der Amtsführung unterstützen sollen, hat er noch nicht ernannt. Bislang stützt er sich auf eine Struktur, mit der er zwar nicht in Konflikt geraten ist, die jedoch unter Franziskus vor allem zahlreiche Absichtserklärungen sowie ein Kirchenbild hervorbrachte, das eher eine demokratische, parlamentarisch anmutende Partizipationsstruktur widerspiegelt als eine Gemeinschaft der Gläubigen.
Während Leo sich nur langsam an die Zusammenstellung seines eigenen Teams macht, lässt sich sein Pontifikat mangels greifbarer Anhaltspunkte noch nicht beurteilen. Irgendwann jedoch werden Nicht-Entscheidungen selbst zu Entscheidungen. Die von Papst Franziskus eingeleitete Bürokratisierung wird ihren Lauf nehmen und jegliche Dynamik zermalmen, die ein Wechsel an der Spitze des Papsttums eigentlich hätte freisetzen können.
Vielleicht nutzte Papst Franziskus paradoxer Weise die Bürokratisierung, um sicherzustellen, dass er der alleinige Entscheidungsträger blieb, während er gleichzeitig den Eindruck erweckte, allen zuzuhören.
Leo XIV. hat hier eine Chance, doch das Zeitfenster schließt sich."
Quelle: A. Gagliarducci, Mondax-at-the Vatican
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Mit dem Posten eines Kommentars erteilen Sie die nach der DSGVO nötige Zustimmung, dass dieser, im Falle seiner Freischaltung, auf Dauer gespeichert und lesbar bleibt. Von der »Blogger« Software vorgegeben ist, dass Ihre E-Mail-Adresse, sofern Sie diese angeben, ebenfalls gespeichert wird. Daher stimmen Sie, sofern Sie Ihre email Adresse angeben, einer Speicherung zu. Gleiches gilt für eine Anmeldung als »Follower«. Sollten Sie nachträglich die Löschung eines Kommentars wünschen, können Sie dies, unter Angabe des Artikels und Inhalt des Kommentars, über die Kommentarfunktion erbitten. Ihr Kommentar wird dann so bald wie möglich gelöscht.