veröffentlicht von vaticannews
Brüder und Schwestern, Pilger aus Frankreich und aus aller Welt,
wenn ich euch heute Vormittag hier im Haus unserer Mutter versammelt sehe, blicke ich auf das universale Antlitz der Kirche. Einige von euch haben Kontinente durchquert, Strapazen überwunden und ihre Freuden und Lasten bis zu dieser heiligen Grotte getragen. Was für eine Freude, zusammen zu sein – ein einziges Herz, eine einzige Familie! ...
Ich möchte insbesondere die Pilger begrüßen, die aus allen Provinzen und Diözesen Frankreichs angereist sind. Heute betretet ihr den Boden dieser gesegneten Stätte, der so viele Gnaden zuteilwurden. Möge diese Pilgerreise die Flamme des Glaubens in euren Häusern und in euren Pfarreien neu entfachen. Bringt den Trost von Lourdes euren Nachbarn, euren Lieben und dem gesamten französischen Volk.
„Gott möchte, dass der Mensch lebt, dass er die Augen öffnet und sich ihm wieder zuwendet“
Die Texte, die die Liturgie uns an diesem Sonntag vorlegt, berühren einen zentralen Aspekt der Botschaft, die die Jungfrau Maria der heiligen Bernadette anvertraut hat, nämlich ihre zugleich liebevolle wie eindringliche Aufforderung zur Umkehr. Im Evangelium schaut Jesus mit einem Blick der Wahrheit und tiefer Traurigkeit auf die verschlossenen Herzen: »Doch habt ihr nicht bereut« (Mt 21,32). Warum diese Wunde im Herzen Christi? Weil Gott nicht will, dass seine Kinder verloren gehen. Der Prophet Ezechiel erinnert uns daran: »Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn er sich bekehrt, wenn er »seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben.« (Ez 18,26.28). Aus diesem Grund kehren die Aufrufe zur Buße in der Heiligen Schrift immer wieder und ziehen sich durch die gesamte Verkündigung des Evangeliums im Laufe der Jahrhunderte. Sie sind heilsam, denn sie verdeutlichen die Dringlichkeit und Notwendigkeit der Buße: Heute – nicht morgen – gilt es umzukehren; heute ist die Zeit der Gnade, der Tag der Rettung (vgl. 2Kor 6,2). Ja, Gott möchte, dass der Mensch lebt, dass er die Augen öffnet und sich ihm wieder zuwendet. Sich bekehren bedeutet, die Wege des Irrtums zu verlassen, um den Weg des Lebens einzuschlagen, und so das Herz für die einzige Freude zu öffnen, die nicht vergeht.
Jesus selbst nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er zur Buße aufruft, wie uns beispielsweise der heilige Lukas berichtet: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle umkommen« (vgl. 13,5). Doch der Herr erweitert den Horizont des irdischen Lebens um den des ewigen Lebens. Während das Glück hier auf Erden eine vergängliche, relative Sache ist, die für manche leider manchmal unerreichbar bleibt, ist das wahre Glück allen verheißen, in der Hoffnung, und dieses sollte das Hauptziel unserer Suche, unserer Bemühungen und unserer Entscheidungen sein. Hat die Jungfrau Maria nicht zur heiligen Bernadette gesagt: »Ich verspreche dir nicht, dich in dieser Welt glücklich zu machen, wohl aber in der anderen".
„Lourdes ist der gesegnete Ort eines Bekenntnisses zum Glauben an die Schönheit und Heiligkeit des Lebens“
Dieses Versprechen, das gerade hier gegeben wurde, hallt in diesem Land Frankreich mit besonderer Kraft nach und rüttelt an unserer heutigen Mentalität. In diesem historischen Moment, in einer Gesellschaft, die nach Fortschritt und materiellem Wohlstand strebt, aber manchmal versucht ist, den Horizont der Ewigkeit zu vergessen, kommt Maria, um uns an die Größe und Tragweite unserer Berufung zum Leben – zum ewigen Leben – zu erinnern. Gegenüber den aktuellen Strömungen, die den Wert des menschlichen Lebens angesichts von Krankheit, Leid oder Alter neu definieren wollen, erscheint die Grotte von Massabielle als ein Heiligtum der christlichen Hoffnung. Hier wird kein Gebrechen zurückgewiesen. Eure Krücken, eure Rollstühle, eure verborgenen Tränen sind keine Hindernisse: Sie sind der Ort schlechthin, an dem ihr voll und ganz respektiert, angenommen und von der unendlichen Liebe Gottes verwandelt werdet. Lourdes ist der gesegnete Ort eines Bekenntnisses zum Glauben an die Schönheit und Heiligkeit des Lebens, denn hier wird es als kostbares Geschenk Gottes entgegengenommen, das dazu bestimmt ist, in der Liebe des Vaters für alle Ewigkeit zu blühen.
„Ja, das ewige Leben ist ein festes und sicheres Versprechen, das der Herr uns gibt“
»Das verspreche ich dir!«. Ja, das ewige Leben ist ein festes und sicheres Versprechen, das der Herr uns gibt. Er hat uns das ewige Leben bereits durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung erwirkt und verwirklicht es jeden Tag in uns durch die Gnade der Taufe. Es ist in unserer Reichweite, doch es liegt an uns, es frei anzunehmen, es zu ergreifen und es nicht zu behindern; doch das Hindernis für die Gnade und das ewige Leben, das einzige Hindernis für diese Liebe, ist die Sünde, die Selbstbezogenheit, jene Ablehnung Gottes, die uns in unserer eigenen Finsternis gefangen hält! Es geht also um unsere persönliche Verantwortung und diese ist groß. Gott hat uns frei gewollt, denn Freiheit ist eine Voraussetzung der Liebe; man kann nicht aus Zwang lieben. Diese Freiheit, die uns geschenkt ist, müssen wir in einem „Ja“ zu Christus und – mit Hilfe seiner Gnade – auf den Spuren Marias einsetzen; in einem unaufhörlich, bis zu unserem letzten Atemzug erneuerten „Ja“, „jetzt und in der Stunde unseres Todes …“, wie wir im Ave Maria sagen.
Den eindringlichen Aufruf zur Umkehr finden wir in den Worten wieder, die Maria genau hier sprach: »Buße! Buße! Buße!«. Sie wiederholt das Wort dreimal … Und sie fordert Bernadette auf, bestimmte Gesten auszuführen. Warum nur? Sind wir möglicherweise etwas langsam im Begreifen? Halten wir uns allzu leicht für sündlos? Üben wir nicht genug Buße? Die Jungfrau bittet uns, Buße zu tun, nicht nur für uns selbst, die wir sie benötigen, sondern auch »für die Sünder«, für eine Welt, die auf dem falschen Weg ist. Wie könnten sich unsere Herzen angesichts der immer weiter um sich greifenden Konflikte, die so viele unschuldige Leben zerstören, da nicht angesprochen fühlen? Und doch stammt das Böse, das unsere Zeit heimsucht, aus dem Herzen des Menschen. Gott ist dafür nicht verantwortlich: »Nicht mein Verhalten ist ungerecht«, sagt er zu den Kindern Israels, »sondern das eure« (vgl. Ez 18,25). Es sind also die Herzen der Menschen, die sich ändern müssen, angefangen bei unserem eigenen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Mit dem Posten eines Kommentars erteilen Sie die nach der DSGVO nötige Zustimmung, dass dieser, im Falle seiner Freischaltung, auf Dauer gespeichert und lesbar bleibt. Von der »Blogger« Software vorgegeben ist, dass Ihre E-Mail-Adresse, sofern Sie diese angeben, ebenfalls gespeichert wird. Daher stimmen Sie, sofern Sie Ihre email Adresse angeben, einer Speicherung zu. Gleiches gilt für eine Anmeldung als »Follower«. Sollten Sie nachträglich die Löschung eines Kommentars wünschen, können Sie dies, unter Angabe des Artikels und Inhalt des Kommentars, über die Kommentarfunktion erbitten. Ihr Kommentar wird dann so bald wie möglich gelöscht.