bei der heutigen Generalaudienz - im Wortlaut veröffentlicht von vaticannews
Brüder und Schwestern,
guten Morgen und herzlich willkommen!
Das Zweite Vatikanische Konzil konnte nicht umhin, über die Kultur und ihre Beziehung zum christlichen Glauben zu sprechen. Dies tut es im zweiten Kapitel des zweiten Teils der Konstitution „Gaudium et spes“ (GS).
Die katholische Kirche war stets darum bemüht, die Verkündigung des Evangeliums mit der Gründung von Schulen aller Art zu verbinden, die darauf abzielen, die menschliche, kulturelle und spirituelle Bildung von Männern und Frauen auf allen fünf Kontinenten zu fördern. Die mittelalterlichen Universitäten sind, wie wir wissen, aus dem Herzen der Kirche hervorgegangen und haben entscheidend zur Entwicklung der westlichen Zivilisation beigetragen. Gleichzeitig wirft der Fortschritt der Kultur und des Wissens immer neue und tiefgreifendere Fragen auf und regt die Gläubigen dazu an, Rechenschaft abzulegen über ihren Glauben (vgl. 1Petr 3,15–17). Schließlich tragen die verschiedenen Ausdrucksformen der Kultur als Ausdruck der spirituellen Dimension des Menschen dazu bei, den Geist für die ewigen Fragen nach dem Sinn der Welt und des menschlichen Daseins zu öffnen und bereiten so darauf vor, das Evangelium Jesu Christi anzunehmen.
Die Beziehung zwischen Glaube und Kultur findet ihre wichtigste Grundlage in der Menschwerdung: Wenn das göttliche Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat (vgl. Joh 1,14), dann ist auch der Glaube eine inkarnierte Wirklichkeit, die mit der Kultur, in die er eingebettet ist, verflochten ist. Er ist auch dazu berufen, zur Kultur zu werden, das heißt, den Menschen in seinem Lebensumfeld zu erreichen, das aus menschlichen Worten, Traditionen, religiösem Sinn, Kunst und Poesie, Denken und Wissenschaft besteht. Wie der heilige Johannes Paul II. gerne zu sagen pflegte: „Ein Glaube, der nicht zu Kultur wird, ist ein Glaube, der nicht vollständig angenommen, nicht gänzlich durchdacht und nicht treu gelebt wird“ (HL. JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Teilnehmer der Tagung der kirchlichen Bewegung für kulturelles Engagement, 16. Januar 1982).
Der Glaube kann in jeder Kultur Gestalt annehmen, da er sich nicht spezifisch mit einer bestimmten Kultur identifiziert. Er ist in ihnen gegenwärtig und prägt sie von innen heraus nach der „Gestalt“ Jesu Christi, das heißt durch Nächstenliebe, Dienst und das kindliche Bekenntnis zur Vaterschaft Gottes. So nimmt die Kirche das Gute, Schöne und Wahre aus den verschiedenen Kulturen auf, um die Botschaft des Evangeliums zu verkörpern und weiterzugeben. „Zugleich ist die Kirche wohl zu allen Völkern, welcher Zeit und welchen Landes auch immer, gesandt, jedoch an keine Rasse oder Nation, an keine besondere Art der Sitte - an keinen alten oder neuen Brauch - ausschließlich und unlösbar gebunden. Sie lässt zwar den Zusammenhang mit ihrer eigenen geschichtlichen Herkunft nicht abreißen, ist sich aber zugleich der Universalität ihrer Sendung bewusst und vermag so mit den verschiedenen Kulturformen eine Einheit einzugehen, zur Bereicherung sowohl der Kirche wie der verschiedenen Kulturen“ (GS 58).
Die Kirche fördert die Kultur, weil sie ein Gut an sich ist und dem Menschen sowie der Verwirklichung seiner Berufung auf Erden dient. Aus diesem Grund fordert die Konstitution „Gaudium et spes“ die internationale Gemeinschaft dazu auf, allen Menschen den Zugang zu grundlegenden kulturellen Dienstleistungen zu ermöglichen und dabei Analphabetismus und Bildungsmangel zu überwinden. Allen, die in der Lage sind, ein Hochschulstudium aufzunehmen – so bekräftigt das Konzil mutig –, muss es ermöglicht werden, dies auch tatsächlich zu tun. Außerdem ist es „Sache aller (..), die je eigene und notwendige Teilnahme der Frau am kulturellen Leben anzuerkennen und zu fördern“ (GS 60).
Darüber hinaus betont „Gaudium et spes“ die Notwendigkeit, den Unterricht auf eine gewisse Einheit des Wissens auszurichten, auch wenn die veränderten Lebensbedingungen dies erschweren mögen (vgl. GS, 61). Die Christen sind die Ersten, die sich dafür einsetzen müssen, diese Einheit des Wissens zu verwirklichen, vor allem in sich selbst. Auch wenn sie durch die Offenbarung Antworten auf die großen Fragen des Daseins erhalten haben, entbindet dies sie jedoch nicht von einer geduldigen intellektuellen und kulturellen Bildung; vielmehr müssen ihre menschlichen und wissenschaftlichen Kenntnisse Hand in Hand mit den Inhalten ihres Glaubens gehen, die mit zunehmendem Alter und entsprechend dem Bildungsstand ständig vertieft werden müssen. Einen besonderen Appell richtet das Konzil an die Theologen: „Die Vertreter der theologischen Disziplinen an den Seminarien und Universitäten sollen mit hervorragenden Vertretern anderer Wissenschaften in gemeinsamer Bemühung und Planung zusammenzuarbeiten suchen. Die theologische Forschung soll sich zugleich um eine tiefe Erkenntnis der geoffenbarten Wahrheit bemühen und die Verbindung mit der eigenen Zeit nicht vernachlässigen, um den in so verschiedenen Wissenszweigen gebildeten Menschen zu einem umfassenderen Glaubensverständnis verhelfen zu können“(GS 62).
Brüder und Schwestern, die Konstitution „Gaudium et spes“ empfiehlt uns, den Glauben nicht in einem Geist der Gegenüberstellung oder Feindseligkeit gegenüber der Welt, der Kultur und ihren menschlichen Ausdrucksformen zu leben, sondern ermahnt uns vielmehr wie folgt: „Die Gläubigen sollen also in engster Verbindung mit den anderen Menschen ihrer Zeit leben und sich bemühen, ihre Denk- und Urteilsweisen, die in der Geisteskultur zur Erscheinung kommen, vollkommen zu verstehen“ (GS 62). Das Erreichen einer reifen und verantwortungsvollen Einheit zwischen Glaube und Kultur ist in der Tat eine notwendige Voraussetzung für das Festhalten an der christlichen Berufung, aber auch eine unverzichtbare Voraussetzung, um der Welt den Glauben zu bezeugen und ihn anderen glaubwürdig zu vermitteln."
Quelle: vaticannews
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Mit dem Posten eines Kommentars erteilen Sie die nach der DSGVO nötige Zustimmung, dass dieser, im Falle seiner Freischaltung, auf Dauer gespeichert und lesbar bleibt. Von der »Blogger« Software vorgegeben ist, dass Ihre E-Mail-Adresse, sofern Sie diese angeben, ebenfalls gespeichert wird. Daher stimmen Sie, sofern Sie Ihre email Adresse angeben, einer Speicherung zu. Gleiches gilt für eine Anmeldung als »Follower«. Sollten Sie nachträglich die Löschung eines Kommentars wünschen, können Sie dies, unter Angabe des Artikels und Inhalt des Kommentars, über die Kommentarfunktion erbitten. Ihr Kommentar wird dann so bald wie möglich gelöscht.