Montag, 12. Oktober 2026

Leo XIV: die Ernennungen

A. Gagliarducci kommentiert bei Monday at the Vatican die Ernennung von Erzbischof Vittorio F. Viola zum Erzpriester der Peters-Basilika als weiteren Schritt des Übergangs zwischen den Pontifikaten.  Hier geht´s zum Original:  klicken

                "LEO XIV UND DIE NEUE GENERATION"

Mit der Ernennung von Erzbischof Vittorio Francesco Viola zum Erzpriester des Petersdoms und von Kardinal Luis Antonio Tagle zum Dekan des Kardinalskollegiums markierte Leo XIV. den Übergang zu einer neuen Generation und – wahrscheinlich – zu einer neuen Ära für die Kirche.

Nicht nur diese beiden Personalentscheidungen kamen weitgehend unerwartet; dies galt letztlich für alle Entscheidungen, die Leo XIV. bislang getroffen hat. Diese beiden Ernennungen zeigen, dass das Problem nicht einfach darin besteht, den Papst mit alten Kategorien zu deuten. Vielmehr liegt es in der Annahme, dass diese alten Kategorien nach wie vor Gültigkeit besitzen.

Bemerkenswert ist zudem, dass diese Ernennungen kurz vor der überraschenden Ankündigung erfolgten, der Papst werde sich noch in dieser Woche einer Operation unterziehen, nachdem in seiner Lunge ein Knoten entdeckt worden war. Offenbar möchte der Papst sein Haus wohlgeordnet hinterlassen, wenngleich es sich um einen unkomplizierten Eingriff zu handeln scheint und Leo womöglich schon nächste Woche wieder seine Amtsgeschäfte aufnehmen kann.

Letztlich ist Leo XIV. selbst ein Papst der neuen Generation. 1982 geweiht, hat er die heftigen Auseinandersetzungen um das Zweite Vatikanische Konzil nicht mehr unmittelbar miterlebt. Er ist ein Priester, der einer soliden Liturgiepraxis verpflichtet ist, wenngleich er aus dem Geist des Konzils hervorgegangen ist; er hat nie die überlieferte Liturgie gefeiert oder auch nur eine Neigung dazu verspürt. Leo XIV. ist kein progressiver Papst im Sinne der Definitionen, die in den letzten Jahren für diese Strömung geprägt wurden. Ebenso wenig ist er ein „Papst der Dritten Welt“, ungeachtet seiner Erfahrungen in der Mission. Doch offensichtlich liegen die Sympathien und Neigungen dieses Papstes bei einer neuen, anderen Generation mit anderen Prioritäten – einer Generation, die völlig außerhalb der Debatten um das Konzil steht.

Inwiefern bestätigen diese beiden Ernennungen durch den Papst diese Einschätzung?

Beginnen wir mit der Ernennung des neuen Erzpriesters der Petersbasilika, der zugleich als Generalvikar des Papstes für den Staat der Vatikanstadt fungiert. Vittorio Francesco Viola trat sein Amt als Sekretär des Dikasteriums für den Gottesdienst mit dem Ruf eines progressiven Priesters an, der die von traditionalistischen Kreisen scharf kritisierte Liturgiereform Annibale Bugninis befürwortete. Damit verkörperte er jenen Bischofstypus, den Papst Franziskus bevorzugte, um all jene zum Schweigen zu bringen, die weiterhin die Liturgie im alten Ritus – also in der Form vor der Reform durch Paul VI. – feiern wollten.


Kurz gesagt: Viola galt als maßgebliche Kraft bei der Reform von Papst Franziskus, der den alten Ritus vollständig abschaffen wollte. Aus diesem Grund hatte er auch Kardinal Robert Sarah – der in den Ruhestand getreten war – durch Kardinal Arthur Roche ersetzt; letzterer war derjenige, der die päpstlichen Anweisungen gegen die traditionelle Messe ausgearbeitet hatte.

Doch Viola ist mehr als das. Er ist zudem jener Bischofstyp, den Papst Franziskus zu schätzen weiß. Er gilt als jemand, der im Umgang streng und nicht gerade nachsichtig mit dem Personal ist, aber als aufrichtig. Manche bezeichnen ihn als ideologisch geprägt, doch er ist nichtsdestotrotz ein geradliniger Mensch. Vor allem aber drängt er sich nicht in den Vordergrund; darin spiegelt sich die Wahl des Papstes bei anderen Personalentscheidungen wider, etwa bei der Ernennung von Erzbischof Iannone zu seinem Nachfolger im Dikasterium für die Bischöfe. Darüber hinaus hegt Viola keinerlei Sympathien für den Traditionalismus, zelebriert die Messe jedoch mit größter Sorgfalt und tadelloser Liturgie.

Darin spiegelt sich auch die Haltung von Leo XIV. wider. In jüngster Zeit hat der Papst eine gewisse Lockerung gegenüber jenen signalisiert, die Gottesdienste außerhalb des überlieferten Ritus feiern möchten – nicht etwa durch eine „Verschärfung“ von *Traditionis Custodes* ( das jegliche Liberalisierung des alten Ritus untersagte), sondern durch die Zustimmung zu Feiern im *usus antiquor*. Dennoch hat er nie gefordert, die Kirche solle zur traditionalistischen Messe zurückkehren, und er hat nicht nachgegeben, als die Traditionsfrage als Instrument genutzt wurde, um andere Themen in die Kirche einzubringen. Die Entschiedenheit, mit der der Papst auf die Lefebvre-Anhänger reagierte, als diese beschlossen, Bischöfe ohne päpstliches Mandat zu weihen, ist hierfür ein deutliches Zeichen.

Auch die Entscheidung, Kardinal Luis Antonio Tagle zum Dekan zu ernennen, ist überraschend. Papst Franziskus hatte eigentlich gewollt, dass das Amt des Dekans des Kardinalskollegiums nicht mehr auf Lebenszeit ausgeübt wird; als jedoch die Amtszeit von Kardinal Giovan Battista Re endete und eine Nachfolge anstand, verzichtete er auf eine Abstimmung der Kardinäle und bestätigte Re im Januar 2025 – wenige Monate vor dessen Tod – in seinem Amt. Es galt als so gut wie sicher, dass Kardinal Pietro Parolin ausgewählt werden würde. Parolin hatte während des Konklaves tatsächlich die Funktion des Dekans inne, da sowohl Dekan Kardinal Re als auch Subdekan Kardinal Leonardo Sandri die Altersgrenze von 80 Jahren überschritten hatten. Kardinal Parolin fungierte im Konklave als Dekan, da er bereits 2018 in den Rang eines Kardinalbischofs erhoben worden war, während Kardinal Tagle diesen Rang erst 2020 erhielt.

Hier bedarf es einer kurzen Erläuterung. Die Kardinäle werden nach einer alten funktionalen Einteilung in Ränge unterteilt: Kardinaldiakone, Kardinalpriester und Kardinalbischöfe. Die Kardinalbischöfe – der höchste Rang – waren ursprünglich auf höchstens sieben begrenzt, da sie mit den alten suburbikarischen Diözesen Roms verbunden sind. In der Praxis handelte es sich um Kardinäle, die als Bischöfe amtierten und auf sieben mit Rom verbundene Diözesen verteilt waren. Jeder Kardinalbischof übernimmt eine Titelkirche, wobei der Dekan stets den Titel von Ostia erhält; dieser Titel kommt jedoch zu dem der Titelkirche hinzu.

Paul VI. entschied, auch Kardinäle, die Patriarchen der mit Rom unierten Ostkirchen (*sui iuris*) waren, als Kardinalbischöfe zu betrachten.

Papst Franziskus hat das Kollegium der Kardinalbischöfe erweitert, indem er sieben weitere Kardinäle aufnahm, die ihren bisherigen Titel behielten und *ad personam* in den Rang eines Kardinalbischofs erhoben wurden. Stirbt ein solcher Kardinal, erlischt der Titel eines Kardinalbischofs. Kardinal Parolin gehörte zu den Kardinälen, die in den Stand der Kardinalbischöfe aufgenommen wurden.

Die Wahl Parolins unter Papst Franziskus war naheliegend, da er in einem schwierigen Pontifikat eine ausgleichende Rolle spielte und zudem der dienstälteste Kardinal im Rang eines Bischofs war, der noch nicht das Ruhestandsalter erreicht hatte. Doch heute, unter einem neuen Pontifikat, haben die Kardinäle den Blick auf das traditionelle Kollegium der Kardinalbischöfe gerichtet; schließlich trägt Kardinal Tagle den Titel von Albano – einen der bedeutendsten Titel, den er von Kardinal Prevost (dem heutigen Leo XIV.) übernommen hat. Zudem wurde Kardinal Tagle bereits vor Kardinal Parolin – nämlich 2012 im letzten von Benedikt XVI. abgehaltenen Konsistorium – zum Kardinal kreiert.

Doch die von Leo XIV. bestätigte Wahl Tagles ist höchst aussagekräftig. An der Spitze des Kardinalskollegiums steht ein Kardinal ohne Kurienkarriere; er hat den Höhepunkt seiner Laufbahn anderswo erreicht und kommt von der anderen Seite der Welt, um das Dikasterium für die Evangelisierung zu leiten. Tagles Profil – er ist der erste asiatische Kardinal, der zum Dekan ernannt wurde – entspricht nicht dem eines „institutionellen“ Kardinals, der mit den Regeln, der Geschichte und den Strukturen der Institution vertraut ist, sondern eher dem eines Außenseiters: eines Kardinals, der seine Erfahrungen aus der Missionsarbeit und dem Globalen Süden nach Rom einbringt.

Letztlich spiegelt dies das Konklave von 2025 wieder, bei dem die Präsenz der Römischen Kurie deutlich reduziert war und Englisch – erstmals in der Geschichte – als Lingua franca diente. Es spiegelt aber auch das Profil Leos XIV. wider: eines Papstes, der auf die Institution und ihre Symbole achtet – und darin typisch westlich bzw. nordamerikanisch geprägt ist –, zugleich aber auch eines Papstes einer neuen Generation, der persönlichen Beziehungen großen Wert beimisst und – in jedem Fall – über die institutionelle Geschichte hinausblickt.

Diese beiden Ernennungen markieren letztlich den Beginn einer neuen Welt. Einer Welt, die gewiss nicht zur Tradition zurückkehren wird, was aber nicht zwangsläufig den Anbruch des Progressivismus bedeutet.

Der Papst ist nun gefordert, weitere Positionen in der Kurie zu besetzen, und es wird interessant sein zu beobachten, wie er dabei vorgeht. Unterdessen vollzieht sich jedoch ein Generationswechsel, den die Menschen wahrscheinlich weder durch die Brille von Ideen oder Ideologien betrachten noch als Zeichen von Kontinuität oder Diskontinuität deuten werden. Kontinuität wird es geben, da die Generation von Leo XIV. seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus Verantwortung trägt und an Einfluss gewonnen hat. Diskontinuität wird es ebenfalls geben, da Leo XIV. dann entscheiden muss, worauf er den Schwerpunkt legt und wie seine Prioritäten aussehen. Erst dann wird sich zeigen, ob der Papst eingreift oder die Dinge ihren Lauf nehmen lässt – und wie lange.

Vorerst lässt sich lediglich festhalten, dass eine neue Generation begonnen hat. Es wird eine neue Welt entstehen, auch wenn sich nur schwer sagen lässt, wie diese aussehen wird."

 Quelle: A. Gagliarducii, Monday at the Vatican

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