vaticannews veröffentlicht den Wortlaut der Ansprache des Hl. Vaters während der heutigen Generalaudienz. Hier geht´s zum Original : klicken
"Liebe Brüder und Schwestern, guten Morgen und herzlich willkommen!"
Die soziale Dimension ist nicht nur ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Natur, sondern auch unseres Glaubens an Jesus Christus – als kostbares Erbe, das wir durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes empfangen haben. Die Konstitution „Gaudium et spes“ (GS) erinnert daran in den Kapiteln III und IV des zweiten Teils, die dem wirtschaftlichen und sozialen Leben sowie dem Leben der politischen Gemeinschaft gewidmet sind. Auch in diesen Bereichen bietet der christliche Glaube Kriterien zur Urteilsfindung.
Die Konzilsväter heben vor allem die Gefahr für den Weltfrieden hervor, die sich aus den Ungleichgewichten ergibt, die mit einer ungerechten und die Schöpfung missachtenden wirtschaftlichen Entwicklung verbunden sind (vgl. GS, 63). Eine weitsichtige Sichtweise, die leider am Ende des letzten Jahrhunderts Bestätigung fand und die wir heute noch stärker feststellen. Um den Kurs zu korrigieren – so warnt das Dokument –, reicht die technische Entwicklung nicht aus: „Daher werden vielfältige institutionelle Reformen in der Wirtschaft wie auch eine allgemeine Umstellung der Gesinnung und Verhaltensweise gefordert“ (ebd.).
Deshalb stellt „Gaudium et spes“ zusammenfassend die christliche Sicht der wirtschaftlichen Entwicklung dar, die stets im Dienst des Menschen stehen und unter seiner Kontrolle stehen muss (vgl. GS, 64–65). Schon hier wird das Konzept der ganzheitlichen Entwicklung deutlich, das der heilige Paul VI. später in den Mittelpunkt seiner Enzyklika „Populorum progressio“ (1967) stellen wird. Aktueller denn je sind zudem die Aufrufe, sich für die Beseitigung von Diskriminierungen zum Nachteil der schwächsten sozialen Gruppen und der Migranten einzusetzen (vgl. GS, 66).
Das Herzstück der Wirtschaft ist die Arbeit. Durch sie entfaltet sich der Mensch als Person, sorgt für die Bedürfnisse seiner Familie, bringt seine Begabungen zum Ausdruck, nimmt am gesellschaftlichen Leben teil und baut eine bessere Welt auf, indem er am Schöpfungswerk Gottes mitwirkt. Die Arbeit darf niemals zum Nachteil der Menschen, des Gemeinwohls oder der Schöpfung verzerrt werden. Die wahre Herausforderung besteht darin, allen die Möglichkeit zu bieten, ihre Fähigkeiten zur Geltung zu bringen: Arbeitslosigkeit, Ausbeutung und Arbeitsbedingungen, die die Gesundheit und das Leben selbst gefährden, sind nicht hinnehmbar (vgl. GS, 67). Die Arbeitnehmer haben das Recht und die Pflicht, an den Entscheidungen mitzuwirken, die ihre Tätigkeit betreffen, auch im Rahmen von Vereinigungen, und Konflikte durch Dialog und gewaltfreie Maßnahmen zu lösen (vgl. GS, 68).
In diesem Zusammenhang verweist das Konzil auf eines der Grundprinzipien der Soziallehre, nämlich die universelle Bestimmung der Güter der Erde (vgl. GS, 69), und wendet es auf den Finanzbereich an, indem es bekräftigt: „ Alle, die über diese Investitionen und über die Ausrichtung der Wirtschaft zu entscheiden haben, seien es Einzelne, Gruppen oder öffentliche Gewalten, sind gehalten, … ihrer strengen Verpflichtung eingedenk zu sein, einerseits den derzeitigen Bedarf menschenwürdiger Lebenshaltung sowohl der Einzelnen als auch des gesellschaftlichen Ganzen zu decken, andererseits den Blick auf die Zukunft zu richten und für ein ausgewogenes Verhältnis zu sorgen zwischen dem, was zur Deckung der derzeitigen privaten und öffentlichen Verbrauchsbedürfnisse bereitgestellt wird, und den notwendigen Investitionen zugunsten der nachfolgenden Generation“ (GS, 70).
Gaudium et spes wendet sich anschließend der politischen Gemeinschaft zu und würdigt verschiedene positive Zeichen der heutigen Zeit, insbesondere die Tatsache, dass aus einem lebendigeren Bewusstsein für die Menschenwürde in verschiedenen Regionen der Welt das Bestreben entsteht, eine politisch-rechtliche Ordnung zu schaffen, in der die Rechte der Person im öffentlichen Leben besser geschützt werden (vgl. GS, 73).
Die politische Gemeinschaft existiert im Dienste des Gemeinwohls, das darin besteht, in der Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die es den Menschen, den Familien und den Vereinigungen ermöglichen und erleichtern, ihre Vollkommenheit in vollem Umfang zu verwirklichen (vgl. GS, 74). Und stets muss die Ausübung politischer Autorität auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein; sie strukturiert sich und wirkt entsprechend den lokalen und historischen Gegebenheiten, hat jedoch stets das Wohl der gesamten Menschheitsfamilie im Blick (vgl. ebd.).
Gaudium et spes bekräftigt: „Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom. Beide aber dienen, wenn auch in verschiedener Begründung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen. Diesen Dienst können beide zum Wohl aller um so wirksamer leisten, je mehr und besser sie rechtes Zusammenwirken miteinander pflegen.“ (GS, 76).
Meine Lieben, sich in Wirtschaft und Politik nach diesen Kriterien zu engagieren, ist ein Weg, Frieden zu stiften. Wie Papst Franziskus in Erinnerung rief: „Krieg ist ein Versagen der Politik und der Menschheit, eine beschämende Kapitulation, eine Niederlage gegenüber den Mächten des Bösen“ (Enzyklika Fratelli tutti, 261). Im Gegensatz dazu bietet eine Politik, die sich um die Wunden der Völker und um all jene kümmert, die Ungerechtigkeit erleiden, Anlass zur Hoffnung für die Zukunft der Menschheit.
Deshalb ermutige ich die jungen Menschen, dem Beispiel jener Männer und Frauen zu folgen, die in diesen Bereichen ein gutes Zeugnis abgelegt haben. Und ich erneuere meine Aufforderung an die christlichen Gemeinschaften, die Ausbildung in der Soziallehre der Kirche wiederzubeleben."
Quelle: vaticannews
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