In seiner heutigen Kolumne für Monday at the Vatican stellt A.Gagliarducci sich die Frage, welche Normalität Papst Leo XIV anstrebt. Hier geht´s zum Original: klicken
"LEO XIV, WELCHE NORMALITÄT?"
Die Nachricht, daß Leo XIV beschlossen hat, die von Papst Franziskus angeordnete Gehaltskürzung für die Kardinäle zurückzunehmen, hat eine größere symbolische Wirkung erzielt, als man annehmen konnte.
Während der Covid-19-Pandemie und der Wirtschaftskrise hat Papst Franziskus die Gehälter der Kardinäle, den sog. Kardinalsteller- gekürzt und das hat Schlagzeilen gemacht.
Leo XIV bringt die Normalität zurück und das kann in der Diskussion nur zu zwei Rückschlüssen führen, entweder hat der Papst die Dinge zur Normalität zurückgebracht, nachdem die Krisensituation zu Ende ist, oder er widerruft das vorangegangene Pontifikat und stellt die Privilegien der Kardinäle wieder her.
Diese beiden Interpretationen erklären jedoch wahrscheinlich nicht ganz, was heute passiert.
Leo XIV ist kein Mann radikaler Veränderungen und er will sich sicher nicht als der PApst positionieren, der die Kontinuität zu seinen Vorgängern, insbesondere seinem unmittelbaren Vorgänger, Franziskus, unterbrochen hat.
Aber er zeigt als ein Papst mit eigenem Pragmatismus, der es ihm erlaubt, bestimmte Maßnahmen "anzupassen".
Franziskus hat tatsächlich nicht nur die Gehälter der Kardinäle gekürzt. Er ordnete zudem an, dass alle für die ihnen aufgrund ihres Amtes zugewiesenen Wohnungen eine marktübliche Miete zahlen müssen – womit er unmissverständlich signalisierte, dass er den Kardinälen ihre Privilegien entziehen und – auch in ihren Lebensumständen – nah bei den Menschen bleiben wollte.
Obwohl diese Entscheidungen ein erhebliches Medienecho hervorriefen, offenbarten sie auch die Tendenz, die Führungskräfte der Kirche zu Sündenböcken für alle Übel zu machen.
Das vatikanische System wurde nämlich nicht geschaffen, um Einzelne zu bereichern oder Privilegien zu verteilen. Vielmehr sollte es allen, die im Vatikan arbeiten, ein würdevolles Leben ermöglichen. Die Gehälter im Vatikan sind nicht besonders hoch; das gilt auch für die Bezüge der Kardinäle.
Sie belaufen sich auf rund fünftausend Euro im Monat, doch dieser Betrag deckt auch die Wohnkosten, die Gehälter für das Personal, das den Kardinälen den Haushalt führt, sowie die Ausgaben für Dienstreisen ab. Im Grunde handelt es sich um eine Art Pauschalvergütung – und zwar um keine besonders hohe –, die jeder Kardinal aufgrund seiner Funktion erhält.
Der Vatikan verfügt über einen im Laufe der Jahre aufgebauten umfangreichen Immobilienbestand, der vorwiegend von der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls oder dem Dikasterium für die Evangelisierung verwaltet wird; es gibt jedoch auch Immobilien, die beispielsweise zum Päpstlichen Haus gehören.
Diese Immobilien werden zur Erzielung von Einnahmen genutzt und vermietet. Zudem werden Wohnungen zu Preisen, die meist unter dem Marktwert liegen, an Vatikan-Mitarbeiter vergeben. Dies ermöglichte es Mitarbeitern mit bescheidenen Gehältern – auch wenn diese steuerfrei waren –, angemessen zu wohnen.
Wurde ein Prälat nach Rom berufen, erhielt er aufgrund seiner Funktion eine Dienstwohnung zur kostenlosen Nutzung. So blieb ihm eine finanzielle Mehrbelastung durch eine Aufgabe erspart, um die er nicht selbst gebeten hatte, die ihm aber übertragen worden war.
Das Wirtschaftssystem des Vatikans ist darauf ausgelegt, allen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Der Vatikan-Supermarkt wurde beispielsweise eingerichtet, um den Mitarbeitern eine Einkaufsmöglichkeit zu günstigen Preisen zu bieten; auch das Einkaufszentrum des Vatikans, das im ehemaligen Bahnhof des kleinen Stadtstaates untergebracht ist, dient diesem Zweck.
Darüber hinaus fallen im Vatikan keine Steuern an.
Die Gehälter werden daher als Nettobeträge ausgezahlt, und auch die Tankstellen des Vatikans profitieren vom Wegfall italienischer staatlicher Steuern. Da jedoch nur Vatikan-Mitarbeiter davon profitieren, entsteht kein unlauterer Wettbewerb gegenüber dem italienischen Staat. Es eröffnet den Mitarbeitern hingegen die Chance auf eine bessere Lebensqualität und verleiht ihrer Tätigkeit im Vatikan einen zusätzlichen Sinn.
Nicht zuletzt hat Franziskus versucht, die Krise zu bewältigen, indem er die Tagesgelder der Kardinäle kürzte und sie damit gewissermaßen zur Zielscheibe machte.
Leo XIV. hat begonnen, diesen Trend umzukehren – angefangen bei den Gehaltskürzungen. Zudem hob der Papst den unter Franziskus eingeführten Stopp der dienstzeitabhängigen Gehaltserhöhungen auf. Doch die Gehaltsfrage ist eng mit einem weiteren Umstand verknüpft: Die Finanzen des Vatikans sind keineswegs in einer so prekären Lage, wie es die jüngsten Finanzberichte aus dem Pontifikat von Franziskus nahegelegt haben.
Es war von Schulden in Höhe von 200 Millionen Euro die Rede, doch tatsächlich beläuft sich das Defizit auf 70 Millionen Euro. Leo XIV. setzte sich über die Anweisung von Franziskus hinweg, Investitionen ausschließlich über das IOR (das Institut für die religiösen Werke, die sogenannte „Vatikanbank“) zu tätigen; zudem löste er die von Franziskus eingerichtete Spendenkommission auf – schon allein deshalb, weil beim Heiligen Stuhl bereits Abteilungen für die Entgegennahme von Spenden zuständig sind.
Diese Rückkehr zur Normalität bringt jedoch nur kleine Anpassungen mit sich, keine Änderung der Gesamtstruktur. Der Heilige Stuhl setzt weiterhin auf die Auslagerung von Aufgaben – so hat das Governatorat beispielsweise die Abwicklung von Ausschreibungen an Consip übertragen –, die APSA strebt weiterhin danach, Immobilienvermögen anzuhäufen, und tatsächlich hat Leo XIV. beschlossen, die Wirtschaftspolitik nicht zu ändern, indem er Kardinal Reinhard Marx für eine dritte Amtszeit an der Spitze des Wirtschaftsrates beließ.
Kurz gesagt: Leo hat keine Revolutionen angezettelt, und er wird dies wahrscheinlich auch nicht tun.
Er hat lediglich eine pragmatische Anpassung vorgenommen; dies signalisiert der Welt zugleich, dass das System des Vatikans in der Realität keineswegs schlecht ist, sondern – trotz der stets vorhandenen menschlichen Schwächen – verteidigt und unterstützt werden muss. Schließlich können Regeln die Möglichkeit von Korruption niemals gänzlich ausschließen.
Leo XIV. setzt damit Signale. Er nimmt zwar kleine Anpassungen vor, hat aber noch keine endgültige Richtung eingeschlagen; zudem hat er die komplexen Abläufe und Feinheiten des Heiligen Stuhls und seiner Verwaltung wahrscheinlich noch nicht vollständig durchschaut.
Leo XIV. hat sich noch kein eigenes Team zusammengestellt. Es ist unwahrscheinlich, dass er jemanden austauschen wird, dessen Amtszeit nicht ohnehin abläuft. Leo war zwei Jahre lang in der Kurie tätig und genoss jedermanns persönliches Zuvorkommen. Es ist schwierig, jemanden abzulösen, der sich – zumindest im persönlichen Umgang – stets korrekt verhalten hat.
Seine Entscheidungen könnten auch bedeuten, dass der Papst von allen, die zur Ära von Franziskus gehörten, verlangt, Verantwortung zu übernehmen, Altlasten zu bereinigen oder Fehler zu korrigieren, die unter der vorangegangenen Amtsführung begangen wurden.
Tatsächlich wird es keine wirkliche Rückkehr zur „Normalität“ geben – jedenfalls nicht, wenn man unter „normal“ den Zustand vor Franziskus versteht. Ebenso wenig wird Leo einen bereits laufenden Prozess unterbrechen – sei es die bereits erörterte Finanzreform oder die Reform im Rahmen des Synodalen Weges, die in aller Munde ist.
Leo XIV wird seinen Fokus einfach anpassen, einige populistische Entscheidungen korrigieren und versuchen die Einheit der KIrche zu schaffen.
Das wird nicht einfach."
Quelle: A. Gagliarducci, Monday at the Vatican
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