Die Ansprache des Hl. Vaters in Rimini- im Wortlaut veröffentlicht bei vaticannews
Liebe Brüder und Schwestern!
Ich freue mich, euch in Rimini zu treffen – an einem Ort, der euch aufgrund eures Engagements, eurer Kreativität und des Dialogs, den eure Veranstaltung Ende August seit Jahren anregt, so sehr ans Herz gewachsen ist. Präsident Scholz und Professor Prosperi danke ich für ihre Begrüßungsworte.
In diesem Augenblick der Geschichte verstehen wir die prophetischen Worte besser, die vor fast einem halben Jahrhundert mit dem Namen dieser Tage zum Ausdruck kam: „Treffen für die Freundschaft unter den Völkern“. Wie der heilige Johannes Paul II. euch sagte: »Allein schon das Aussprechen dieser Worte erfreut das Herz: „Begegnung“! „Freundschaftliche Begegnung“! „Freundschaft unter den Völkern“! Worte, die in diesen oft dramatischen Stunden der Weltgeschichte eine besondere Bedeutung erhalten« (Ansprache beim 3. Meeting für die Freundschaft unter den Völkern, Rimini, 29. August 1982)
Auch heute wird der Friede von Menschen bewahrt und verbreitet, die gern zusammenkommen und keine Scheu haben, sich auseinanderzusetzen. Papst Franziskus hat uns mit der Enzyklika Fratelli tutti gelehrt, die soziale Freundschaft zu pflegen, die das öffentliche, dynamische und konkrete Gesicht der Geschwisterlichkeit darstellt. Indem wir uns nämlich in der Würde von Kindern Gottes wiedererkennen, kommen wir mit dem in Berührung, was die Menschen ursprünglich verbindet, jenseits aller Unterschiede, Trennungen oder Konflikte.
Wir können uns ineinander hineinversetzen, einander zuhören und Freunde werden – als Menschen und damit auch als Völker. Die Menschen kommen immer vor den Grenzen, Definitionen und Institutionen. Diese Erkenntnis steht im Zentrum des Christentums: Ihr wisst das, weil ihr gelernt habt, das Evangelium als Offenbarung Gottes zu lesen, der sich in der Begegnung, in Ereignissen, in Blicken und Erlebnissen zeigt und in jedem den Wunsch weckt, geliebt zu werden und zu lieben. Auf diese Weise habt ihr das „Meeting“ nicht zu einer Art Enklave gemacht: Ganz im Gegenteil, es ist zu einem Knotenpunkt für die Kirche und für die Gesellschaft geworden, zu einer Begegnung, die zu weiteren Begegnungen führt und zu neuen Wegen anregt.
Danken wir dem Herrn für dieses lebendige Erbe, das euch eine große geschichtliche Verantwortung in der größeren Gemeinschaft der Kirche auferlegt, im Dienst an einer Menschheit, die nach Gerechtigkeit hungert und dürstet. Wie uns das Zweite Vatikanische Konzil gelehrt hat, sind nämlich: »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, […] auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände« (Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 1).
Ja, liebe Freunde, dies ist die Stunde der Verantwortung, insbesondere für diejenigen, die aus einer tausendjährigen Glaubenstradition, die eine Kultur geworden ist, so viel empfangen haben. Die verschiedenen Auflagen des „Treffens“ haben es in der Tat verstanden, aus dem großen Erbe der Vergangenheit jene Beweggründe aufzunehmen, die euch heute im Umgang mit Kunst, Musik, Literatur, Wissenschaft, Wirtschaft und jedem Ausdruck des menschlichen Geistes beschäftigen. Auch der für dieses Jahr gewählte Titel, der aus dem letzten Vers der Göttlichen Komödie stammt, treibt uns in Richtung jener Geschichte, deren Herr Gott ist. »Die Liebe, die die Sonne und die anderen Sterne bewegt«, ist nicht verschwunden, sie hat weder an Kraft noch an Intensität verloren, auch wenn es eine Liebe ist, die gern still bleibt, im Gegensatz zu den lärmenden Kräften, die die Erde, den Himmel und alle Geschöpfe erschüttern.
„Ja, die Liebe bewegt!“
Ja, die Liebe bewegt! »Er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte« (Mt 5,45). So beschreibt Jesus die Vollkommenheit Gottes und macht dabei den Unterschied zwischen der Großzügigkeit seines Handelns und der Enge menschlicher Gedanken deutlich. Die Wirklichkeit erstickt in unseren Berechnungen und atmet in der Selbstlosigkeit Gottes. Es ist kein Zufall, dass meine Vorgänger – der heilige Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus – alle die göttliche Barmherzigkeit als Schnittpunkt zwischen dem Evangelium und den „neuen Dingen“ dieser dramatischen und wunderbaren Zeit bezeichnet haben. Jesus Christus nach den Tragödien und Neuanfängen des 20. Jahrhunderts zu folgen, setzt nämlich ein klares Bewusstsein voraus: Das Böse kann man nicht mit dem Bösen bekämpfen. Wie im Himmel, so ist auch auf Erden die Liebe das Gesetz des Lebens, der Weg der Erlösung des gekreuzigten Messias.
Dem falschen Realismus, der die Gedanken, die Worte und die Nationen wiederbewaffnet, muss die katholische Kultur heute den Realismus der Barmherzigkeit entgegenstellen, für den es keine Feinde geben kann und für den alle – auch die Gegner – Brüder und Schwestern sind, denen wir in die Augen schauen und in der Wahrheit begegnen müssen. Die Sünde existiert, gewiss, aber stärker ist die erlösende Liebe Christi, die uns dazu verpflichtet, Gedanken, Interessen, Gewohnheiten, Bekanntschaften, Pläne, Investitionen – jeden Aspekt des Lebens – von allem zu reinigen, was die Kultur der Macht verdorben hat.