In der Fortsetzung von hier und hier befaßt sich Autor Roberto Pertici mit dem religiösen Wiedererwachen im Europa des 19. Jahrhunderts,
"Angesichts dieser Situation stellt sich spontan die Frage: ist das ein unausweichlicher Trend und tatsächlich einer, der dazu bestimmt ist sich weiter zu beschleunigen, oder wird es möglich sein, diese Tendenz umzukehren? Werden wir- früher oder später- eine "religiöse Wiedergeburt" sehen, fähig dazu, nicht das alte Gleichgewicht wiederherzustellen (was nicht einmal wünschenswert ist) sondern eine Diskussion des "Heiligen" und des letzten Ziels der Existenz neu zu eröffnen, in einer Gesellschaft, die immer mehr aus Individuen besteht, die alle- so wurde geschrieben- in einer Endlichkeit ohne Leiden, das heißt ziellos und ohne Vergangenheit und Zukunft leben wollen? Und wird die Katholische Kirche in der Lage sein, bei dieser Wiedergeburt eine Rolle zu spielen oder eher wird sie eine Rolle spielen wollen?
Die katholischen Freunde, denen ich diese Frage stelle, antworten mir gewöhnlich mit Wünschen oder Statements von Prinzipien: es braucht eine Generation von Heiligen... heilige Priester müssen erstehen, diszipliniert und kultiviert wie Charles Borromeo sie wollte... es gibt Zusagen ("non praevalebunt"), die erfordern, daß wir vertrauen...etc.
Der Autor hat keine Geschichtsphilosophie, viel weniger eine Geschichtstheologie: er glaubt an die absolute Freiheit im Lauf der Geschichte ("Die Geschichte ist eine große Improvisatorin" pflegte der Graf von Cavour zu sagen) und gleichzeitig an die Möglichkeit, in dem was passiert ist und was passiert eine Logik zu identifizieren, die jedoch nicht zu einer Prädisposition für notwendige Resultate führt. Er sit deshalb überzeugt, daß der Prozess der Entchristlichung nicht die Frucht irgendeiner Verschwörung ist, sondern tiefe Wurzeln in der Kultur und Geschichte der letzten Jahrhunderte hat; nichts desto trotz zögert er, zu behaupten, daß er nicht umkehrbar ist oder man ihm zumindest auf gewisse Weise widerstehen kann.
Aber der Historiker kann keine Prophezeiungen machen, und wenn er das tut, so drückt er nur "Wunschdenken" aus, das letztlich kaum nützlich ist. Um zu versuchen die gerade formulierten Fragen zu beantworten, gibt es jedoch etwas, das er tun kann: er kann auf die Berge der Jahrhunderte klettern und auf die Geschichte der letzten 500 Jahre blicken- seit der Entwicklung und dem Einsetzen dessen, was "Moderne" genannt wird. Hat es in dieser Geschichte Augenblicke einer "religiösen Wiedergeburt " gegeben und mit welchen Eigenschaften und welchen Ergebnissen? Und welche Rolle hat die "offizielle" Kirche dabei gespielt?
2. Natürlich hat es die gegeben, wie wir gleich sehen werden. Es gab Phasen (die ich genau als "religiöse Wiedergeburt" bezeichne) in denen wichtige Bereiche der Europäischen Kultur dazu zurück gekehrt sind, über Religion zu diskutieren und über religiöse Probleme nachzudenken; in der tat haben sie nicht gezögert, Gründe für eine "Orthodoxie" zu verteidigen und die Funktion der Kirchen-Institutionen zuzulassen und sogar zu preisen. Bei allen diesen Wiedergeburten ist die Hauptrolle- wie wir sehen werden- mehr von den Laien als von den Klerikern gespielt worden.
Man wird sagen, das ist immer noch eine Sache von Vorgängen, die sich auf die Welt der Kultur und Intellektuellen beschränken, ohne eine echte Beziehung zum religiösen Leben der "Massen". Das ist wahr, aber die kulturelle Sphäre ist eine Art "Selbstbewusstsein der Gesellschaft", und daher wird eine hegemoniale Rolle, früher oder später, von religiösen Auswirkungen sowie der viel breiteren politischen und sozialen: die Gegenreformation kam sogar in die kleinen Städte, die sich im Comer See widerspiegeln, wenn es stimmt, daß in "Die Verlobten" Renzo Tramaglino und Lucia Mondella mit einem in den neuen Seminaren ausgebildeten Kuraten interagieren, für die vom Konzil von Trient sorgte, mit einem Bettelmönch der einem der Orden (den Kapuzinern) angehört, die von der katholischen Reform wertgeschätzt werden, und sogar mit einem Kardinal, der seinen pastoralen Besuch , auch gemäß den Vorschriften des vorherigen Konzils.